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12 19/05

Laurence Anyways

Fassungslose Blicke und offenstehende Münder - das ist Laurence Alia (Melvil Poupaud) irgendwann gewohnt - obwohl: Kann man sich daran jemals gewöhnen? Der Grund für die Blicke, denen sich Laurence ausgesetzt fühlt, liegt auf der Hand. Denn Laurence, seit kurzem verliebt in die hinreißend verrückte Frédèrique, genannt "Fred" Bellair (Suzanne Clément), fühlt sich eigentlich als Frau und will das auch endlich leben.

Dennoch kann er sich ein Leben ohne Fred nicht vorstellen und sie sich auch keines ohne ihn. Was zuerst zwar schwierig, aber nicht unmöglich erscheint, wird für die Liebe der beiden zu einer Höllentour: Laurence verliert seinen Job - versehen mit dem zynischen Hinweis, er könne sich ja nun ganz seiner Schriftstellerei widmen, Eltern und Freunde reagieren entsetzt und dann gerät die Beziehung der beiden ins Trudeln. Laurence findet schließlich Unterschlupf bei einer Familie von exzentrischen "Leidensgenossen", Fred heiratet einen anderen Mann. Doch selbst nach einigen Jahren merken die beiden, dass sie nicht ohne einander können - aber miteinander eben auch nicht.

Annähernd drei Stunden Zeit nimmt sich Xavier Dolan für seine ungewöhnliche Liebesgeschichte, die er in den späten 1980ern und den 1990ern angesiedelt hat. Gerahmt durch ein Interview, das Laurence (der niemals einen anderen Namen annimmt) gibt, folgt Dolan detailverliebt den Lebenswegen seiner beiden Protagonisten, lässt sie sich finden, dann wieder auseinandertreiben und schildert gekonnt die enorme Anspannung, unter der die beiden aufgrund ihrer besonderen Situation stehen. Wenn Fred in einem Restaurant wegen der dummen bis provokanten Fragen einer unsensiblen Kellnerin einen Wutausbruch bekommt und sich in dieser Szene alles entlädt, was sie erleiden muss, hat das solch eine emotionale Wucht, dass man als Zuschauer ebenso fassungslos diesem Wüten beiwohnt wie die Besucher in dem Restaurant.

Umso erstaunlicher ist aber, wie viel und vor allem was Dolan trotz der gewaltigen Laufzeit nicht erzählt. Zum Beispiel schlichtweg die Tatsache, ob Laurence denn nun eigentlich transsexuell ist oder ein Transvestit. Niemals sehen wir ihn Medikamente nehmen, lediglich an einer Stelle kommt das Gespräch zumindest indirekt auf eine Operation.

Keine Frage: Laurence Anyways fasziniert zumindest teilweise durch ausgefeilte und überaus opulente Bildarrangements, hinreißende Schauspieler, tolle Musik. Wenn man bedenkt, dass das kanadische Wunderkind Xavier Dolan gerade erst 23 Jahre alt ist und dies nach I Killed My Mother / J'ai tué ma mère und Herzensbrecher / Les amoures imaginaires bereits seit dritter Langfilm ist, kann man sich vorstellen, dass diesem Filmemacher noch eine großartige Zukunft bevorsteht.

Trotz aller Stärken - und derer gibt es viele - hat Laurence Anyways jedoch enorme Längen und wird gerade angesichts der vielen offenen Fragen und zahlreichen Schlenker, die der Film immer wieder unternimmt, wird er zu einer echten Geduldsprobe.

Dass man am Ende die Geduld nicht verliert und ausharrt, liegt vor allem anden  zwei Darstellern, denen man ihre Rollen abnimmt, mit denen man mitleidet und für die man sich nach einem guten Ende sehnt. Vielleicht steckt ja darin auch der Wunsch, selbst als Person so leidenschaftlich, so bedingungslos geliebt zu werden, dass nichts diese Zuneigung erschüttern kann - im Extremfall nicht einmal solch eine Wandlung, wie sie Laurence vollzieht.


(Joachim Kurz)