15 21/05

Lamb

Es heißt, Kinder und Tiere seien an einem Filmset der reinste Albtraum. Weil sie das höchste Risiko mit sich bringen: vor der Kamera sind sie oft unberechenbar. Wenn der worst case eintritt, dauert der Dreh doppelt so lange. Wenn der Idealfall eintritt, ist der Effekt umwerfend. Dafür werden dann alle übrigen Akteure an die Wand gespielt.


(Filmstill aus Lamb, Courtesy Festival de Cannes)

So gesehen, macht es sich der äthiopische Regisseur Yared Zeleke nicht gerade einfach. In seinem Film Lamb stehen nämlich gleich ein Kind und ein Tier im Mittelpunkt. Der neunjährige Ephraim (Rediat Amare) wird nach dem Tod seiner Mutter zu weit entfernt lebenden Verwandten gebracht, damit sein Vater in Ruhe eine neue Arbeit suchen kann. Mit sich nimmt er nur Chuni, sein über alles geliebtes Lamm und einzigen Freund. Zeleke versteht sich darauf, seinen Film sympathisch und nett erscheinen zu lassen. Ephraim ist darin in jeder einzelnen Szene zu sehen. Nachdenklich in Großaufnahme zum Beispiel, und schon in der ersten Einstellung ist seine Hand kraulend in flauschiges Fell versenkt.

Die Sympathiepunkte für Ephraim rühren aber nicht nur vom Kindchenschema her, sondern auch von seiner klaren Außenseiterrolle, die einen sofort für ihn Partei ergreifen lässt. Nicht nur, dass er als Halbwaise weit entfernt von Zuhause leben muss, er steckt auch von den Jungs in der neuen Stadt nichts als Prügel ein und sein Onkel (Surafel Teka) bringt schon gar kein Verständnis für ihn auf: Ephraim ist bei der Landarbeit nämlich nicht zu gebrauchen. Dafür hat er das Kochtalent seiner Mutter geerbt, und diese Frauenarbeit gehört sich für einen Jungen natürlich nicht. Die Lage spitzt sich zu, als man Ephraim eröffnet, sein Lamm werde zum nächsten religiösen Fest geschlachtet. Von nun an gibt es für ihn nur noch ein Ziel: genug Geld sammeln, um gemeinsam mit Chuni den nächsten Bus nach Hause zu nehmen.


(Filmstill aus Lamb, Courtesy Festival de Cannes)

Die Figur des Ephraim, so schreibt Yared Zeleke in seinem Presseheft, habe er mit lauter Parallelen zu seiner eigenen Kindheit angereichert - die Leidenschaft für das Kochen, die enge Beziehung zu den Frauen in seiner Familie. Es ist wahrscheinlich dieser persönlichen Bindung an den Stoff des Films geschuldet, dass Lamb wirkt wie durch eine nostalgische Brille gesehen. Dabei strebt der Film durchaus an, politisch zu sein. Dafür sprechen nicht nur Figuren wie der Onkel, der blindlings an alten Traditionen festhält, sondern vor allem auch die junge Tsion (Kidist Siyum), die von der Familie ebenfalls aufgenommen wurde. Sie trägt ihr Haar als wilde Mähne, weigert sich einen Mann zu suchen und liest viel lieber den ganzen Tag die Zeitung. Symbolisch steht sie damit für eine junge Generation in Äthiopien, die in die Städte strebt und sich an einem modernen, vernetzten Lebensstil orientiert.

So weit, so gut. Nur - und hier kommen wir wieder auf die Sache mit den Kindern und den Tieren zurück - erschafft eine politisierte Figur noch keinen politisierten Film. Tatsächlich macht es sich Yared Zeleke mit Ephraim und dem knuddeligen Schäfchen nicht schwer, sondern sogar extra leicht. Dass wir den beiden gern und mit aufrichtigem Interesse zusehen, kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass Lamb unter etlichen Schwächen zu ächzen hat. Immer wieder bringt Zeleke Elemente in seinen Film ein, die er dann nicht konsequent weiterverfolgt. So wie etwa den "Verbotenen Wald", durch den Ephraim läuft. Der sorgt zwar für einige schöne Aufnahmen saftiger Grüntöne und dick moosbewachsener Bäume, bleibt aber jegliche Erklärung oder Bedeutung für den Fortgang der Geschichte schuldig.


(Ausschnitt aus Lamb)

Die Inkonsistenz von Lamb wird aber vor allem deutlich, wenn es um die Armut der Familie geht. Auf der Dialogebene mag sie ein ständiges Thema sein, die Atmosphäre des Films vermittelt jedoch nichts von der Bedrohung, unter der die Menschen leiden, seitdem eine Dürre Großteile der Ernte vernichtet hat. Lieber zeigt Zeleke in verzückten Detailaufnahmen, wie Ephraim verbotenerweise Injera und Samosas zubereitet. Appetit ist also garantiert, genauso wie eine gewisse Beschwingtheit ob der netten Geschichte, derer man gerade Zeuge wurde. Nur dem eigenen Anspruch an Signifikanz wird Lamb nicht gerecht.

(Katrin Doerksen)