15 21/05

Krisha

Krisha. Krisha, Krisha, Krisha. Alles an Krisha (Krisha Fairchield) schreit nach Krisha. Das wellig-ungezähmte Haar, die Hippie-Klamotten und der große Rollkoffer. Wenn Krisha aus ihrem Auto steigt und auf der Straße das Haus ihrer Schwester sucht, nimmt sie gefühlt allen Raum ein, der zur Verfügung steht.


(Filmstill aus Krisha; Courtesy: La Semaine de la Critique)

Und Krisha ist aufgeregt. Welches Haus gehörte noch mal ihrer Schwester? Ach ja, das da mit den Hunden. Die Tür öffnet sich und da steht die ganze Verwandtschaft. Tanten, Cousins, Ehemänner und ihr Sohn Trey (Trey Shults). Freundliche Begrüßungen folgen. Freundliche aber distanzierte Begrüßungen. Schnell wird klar, Krisha war lange verschollen und nun ist sie wieder da. Zu einem Thanksgiving-Essen. Und wie man aus so manch anderem amerikanischen Film schon weiß: Famile + Thanksgiving = Drama.

Und schon bald heizt sich das Haus emotional auf wie dein Dampfkocher, der irgendwann explodieren muss. Krisha ist stets umgeben von Menschen, die sie alle freundlich ignorieren. Sie ist so viele Menschen nicht gewohnt; sie ist nicht beglückt über die Zurückhaltung. Die Hunde bellen, die Leute reden und Krisha soll den Truthahn machen. Sie merkt, ihr Plan – welcher auch immer das sein mag – er geht nicht auf. Einfach mal wieder aufzutauchen garantiert nicht wieder aufgenommen zu werden. Und der Zuschauer ahnt, hier stimmt was nicht. Irgendetwas hat sie ausgefressen, diese Frau. Vor allem ihr eigener Sohn ist so distanziert, dass sich schnell vermuten lässt – spätestens nach einer Andeutung – dass sie ihn verlassen hat und abgehauen ist.


(Filmstill aus Krisha; Courtesy: La Semaine de la Critique)

Aber das ist alles egal, denn Krisha geht es um sich selbst und sie hat Bedürfnisse. Wieder aufgenommen und gehalten werden, ja das will sie. Ihrem Sohn Ratschläge geben, wie er sein Leben zu leben hat, ja das will sie auch. Aber alle anderen sind so egozentrisch, so mit sich beschäftigt, dass keiner zuhört und keiner sie genug beachtet. Und auch wenn man über diese Frau mit den großen Augen und dem verlebten Gesicht nicht viel weiß, so erahnt man: Ihre Problemlösungsstrategien sind wahrscheinlich nicht die besten. Eine heimliche Flasche Wein später, fühlt sich Krisha, als hätte sie wieder die Oberhand, doch dann lässt sie im Suff den Truthahn fallen. Die Flasche wird gefunden und der Versuch der heilen Welt zerbricht. Denn Krisha ist Alkoholikerin, eine Frau wie in Cassavettes Eine Frau unter Einfluss, und hatte ihrer Familie gesagt sie wäre trocken.

Trey Shults' Erstlingswerk ist ein furioser kleiner Film. Wie ein Wirbelwind aus tausend Emotionen oszilliert seine Protagonistin durch die formidablen Bilder. Dass der junge Regisseur bei Terrence Malick gelernt hat, ist dem Film anzumerken. Aber Shults umschifft die typische Schüler-Klippe und imitiert nicht den Lehrer, sondern extrapoliert vom Gelernten und findet seine eigene Bildsprache. Vor allem seine Nahaufnahmen von Krishas Gesicht, die den gesamten Kader mit ihrem Gesicht füllen, die er an den Anfang und das Ende des Filmes schneidet, sind es, die den Zuschauer tief in die verwirrte Subjektivität der Protagonistin eintauchen lassen. Shults bleibt mit seinem Fokus stets bei ihr, die Kamera folgt in langen Aufnahmen ihren Wanderungen durch das Haus und um dessen Bewohner herum. Der Soundtrack bietet oft dissonante, scharfe Töne, die das psychologische Dilirium Krishas hörbar machen.


(Trailer zu Krisha)

Die emotionale Massivität des Filmes liegt vor allem in dieser Kombination aus hervorragender Kinematografie und der eloquenten Darstellung der Hauptfigur. Es ist in der Tat erstaunlich für ein Erstlingswerk, vor allem eines, dass professionelle Schauspieler mit Laien vereint und in dem der Regisseur auch noch eine Nebenrolle übernimmt, so präzise in das menschliche Innenleben einer Abhängigen zu schauen, den Abgrund zu sehen, ihn subtil aber markant zu verzeichnen und am Ende des Filmes wieder aus ihm herauszufinden.

(Festivalkritik Cannes 2015 von Beatrice Behn)