15 15/05

Irrational Man

Mit Händen und Füßen hat sich Woody Allen dagegen gewehrt, dass sein neuer Film Irrational Man im Wettbewerb von Cannes laufen könnte. Und eigentlich ist das sogar verständlich. Böse  Zungen behaupten nämlich, der gute Mann mache seit Jahrzehnten immer wieder denselben Film.


(Von links nach rechts: Woody Allen, Emma Stone und Joaquin Phoenix; Courtesy: Festival de Cannes)

Manche finden sogar, er hätte seine besten Jahre schon lange hinter sich. Jemand wie Woody Allen, der weder Wert auf Stress, noch auf den unbedingt erwünschten Glamourfaktor im Festivalbetrieb legt, muss sich das nicht geben. Zu einem Slot außerhalb des Wettbewerbs konnte Thierry Frémaux ihn aber immerhin überreden und jetzt sitzt er im Raum nebenan und gibt eine Pressekonferenz. Ich habe seinen Hinterkopf gesehen und kann nun in Ruhe sterben.

Bevor Woody Allen an mir vorbeigelaufen ist, habe ich aber den besagten neuen Film sehen können: Irrational Man. Eine schwarze Komödie voller Fragen über Philosophie und Existenzialismus, Moral, Beziehungen, you name it. Die großen Woody Allen-Themen. Emma Stone, die schon in seinem letzten Film Magic in the Moonlight eine Hauptrolle übernahm, spielt  hier die Philosophiestudentin Jill, deren Ansichten über das Leben auf den Kopf gestellt werden, als  ein neuer Professor an der Fakultät auftaucht: Abe (Joaquin Phoenix) ist ein Wrack mit  Bierbäuchlein und ständig griffbereitem Flachmann, ein bisschen wie das männliche, intellektuelle Pendant zur ruinierten Cate Blanchett in Blue Jasmine. Gerüchte ranken sich schon vor seiner  Ankunft auf dem ganzen Campus um ihn und seine düstere Ausstrahlung. Was eigentlich Abes Problem ist: "Ich konnte mich nicht an den Sinn des Lebens erinnern und als er mir wieder einfiel, fand ich ihn nicht überzeugend."


(Filmstill aus Irrational Man; Courtesy: Festival de Cannes)

Mit Irrational Man kehrt Woody Allen zu einer Art Geschichte zurück, wie er sie so ähnlich schon in Verbrechen und andere Kleinigkeiten oder Match Point erzählte. Die Freundschaft zwischen Abe und Jill, von beiden abwechselnd im Voice-Over Revue passiert, entwickelt sich auf ihr Drängen hin bald zu einer Affäre und alles könnte perfekt sein, ist es aber natürlich nicht. Die Liebesgeschichte verwandelt sich zunehmend in einen ausgefuchsten Krimiplot.

Abe will den  perfekten Mord inszenieren, nur darf davon selbstverständlich niemand wissen. Das Opfer: ein zwielichtiger Richter, von dessen Schandtaten Jill und Abe zufällig beim Essen hören – in einer übrigens wunderbaren Szene, in der die Kamera die Funktion ihrer Ohren übernimmt und beiläufig beobachtend an den Nebentisch im Diner gleitet, wo sich wildfremde Menschen unterhalten. Die anonyme, ritterliche Rache an dem Richter wird für Abe zur fixen Idee und plötzlich ist der Mann kaum wiederzukennen. Sein Leben scheint endlich einen Sinn zu haben und all die banalen Kleinigkeiten – ein gutes Frühstück, der Geschmack eines guten Weines am Abend – geben ihm nur noch mehr Daseinsfreude.


(Filmstill aus Irrational Man; Courtesy: Festival de Cannes)

Woody Allen hatte noch nie Probleme, für seine Filme vielversprechende Casts zusammenzutrommeln und auch in Irrational Man hat er mit Joaquin Phoenix und Emma Stone eine gute Wahl getroffen: Er gibt überzeugend den existenzialistischen Griesgram, sie leistet mit ihrem wohldosierten Overacting einen grandiosen Beitrag zur kontinuierlichen Steigerung der Intensität, die schließlich in einem absurd witzigen Finale kulminiert. Sein Gespür für intelligente, schwarzhumorige Komik hat Woody Allen nicht verloren, soviel steht hier fest. Der Regisseur hält sich nicht mit langem Vorgeplänkel auf, sondern bringt seine Geschichte mit Verve in Gang. "Philosophie ist Masturbation" lässt Abe seine Studenten in einer der ersten Stunden wissen und schon bald darauf verlässt der Film den Elfenbeinturm namens Campus und stürzt sich lieber in die kräftig augenzwinkernden Handlungsstränge um Affären und Mordpläne. Seine Intention: eine Lektion, die man nicht aus Lehrbüchern lernen kann.


(Trailer zu Irrational Man)

Während ich diese Zeilen schreibe, ist Woody Allen auf dem Weg aus der Pressekonferenz noch ein zweites Mal an mir vorbeigelaufen. Diesmal konnte ich ihn von der Seite sehen und für das nächste Festival peile ich die Vollfrontale an. Wenn es nach mir geht, darf sich Woody Allen zu noch vielen Auftritten in Cannes überreden lassen, er hat noch lange nicht alles erzählt.

(Festivalkritik Cannes 2015 von Katrin Doerksen)