12 23/05

Holy Motors

Alain Resnais' letzter Film trägt den prophetischen Titel You haven't seen anything yet. Eine hoffnungsvolle Ankündigung, dass trotz 120 Jahren Kinogeschichte noch längst nicht alles erzählt und gezeigt wurde. Renais würde vielleicht sagen, so lange Orpheus seine Eurydike liebt, so lange wird es auch Filmemacher geben, die das Kino immer wieder neu erfinden werden. Einer, der das Potential dazu besitzt, ist der Franzose Leos Carax. Nach dem er mit Die Liebenden vom Point Neuf furios in der Filmwelt debütierte und mit seinem radikalen Pola X noch furioser scheiterte, meldet er sich nun mit Holy Motors nach langjähriger Spielfilmpause wieder zurück. Und wie!

Holy Motors ist eine wilde und groteske Feier des Kinos, die im Grunde jede Zusammenfassung sprengt und eigentlich nur gesehen und nicht beschrieben werden kann. Monsieur Oscar (Denis Lavant) wird bei Sonnenuntergang von einer großen weißen Limousine abgeholt. Am Steuer sitzt eine mysteriöse Blondine, die auf den Namen Celine (Edith Scob) hört. Mr. Oscar muss jetzt bis Sonnenaufgang arbeiten. Er schlüpft in verschiedene Masken und Leben. Ist mal eine alte Frau, reicher Industrieller, Auftragskiller, Cybermonster, Vater, Opfer, Sterbender. Aber was ist Sinn und Zweck dieser Arbeit? Warum macht Mr.Oscar das ? Und was hat das alles zu bedeuten?

Natürlich gibt Leos Carax auf diese Fragen keine Antworten, er würde sich damit nur lächerlich machen. Holy Motors ist eine obsessive Montage der Attraktionen, ein Film, der alle klassischen Regeln der Kinoerzählung über Bord wirft. Die Handlung folgt bei Carax nicht der rationalen Logik, sondern der des Traumes. Holy Motors wirkt auf den nüchternen Betrachter wie ein Sammelsurium schräger Phantasmagorien. Carax' Alter Ego Lavant rennt als Geisteskranker durch einen Friedhof, frisst die Blumen von den Gräbern, nur um später ein Model (Eva Mendes) in ein Erdloch zu entführen, sie in eine Burka zu stecken und sich nackt in ihren Schoss zu legen. Oder er beschimpft ein kleines Mädchen, dass nicht selbstbewusst genug ist, um mit Jungs zu tanzen. Oder stirbt als alter Onkel in den Armen seiner Nichte Léa (Elise Lhommeau).

Mr. Oscar ist Bindeglied zwischen den Episoden, seine nächtliche Fahrt durch Paris ein loser dramaturgischer Faden, dessen Schlenker und Ausfahrten in immer neue abenteuerliche, surreale Welten führen. Mr. Oscar ist aber auch eine phantastische Metapher für das Kino selbst. Einer leeren Leinwand gleich kann er, je nach Projektion, die verschiedensten Welten erschaffen, ob nun Cybermonster-Sex oder die traurige Geschichte einer Bettlerin, die niemand auf der Straße bemerkt und vor aller Augen stirbt. Verschachtelt, labyrinthisch ineinandergewebt sind diese Episoden des Films mit interessanten musikalischen Intermezzi versehen, die unter anderem in einer genial-trashigen Musicalnummer von Kylie Minogue kulminieren. Das erinnert alles natürlich an David Lynchs Mulholland Drive. Aber das vergnügliche Spiel mit allen Kinokonventionen hat dann eher was von den Kurzgeschichten eines Luis Jorge Borges oder den irrationalen Gedankenwelten eines Leonid Andrejew.

Doch zu allererst ist Holy Motors ist ein schön-hässliches Liebesgedicht an das Kino. Davon zeugt auch die Eröffnungssequenz, die einen abgedunkelten Kinosaal zeigt und damit ganz selbstreferenziell auf die siebte Kunst verweist. Später, wenn sich Mr. Oscar (übrigens: wer hier an den Filmpreis denkt, der liegt ganz, wenn nicht sogar goldrichtig) mit einem mysteriösen Mann mit einem Muttermal (Michelle Piccoli) unterhält, offenbart der Film ganz nebenbei den Grund seiner Existenz:

- "Die Leute gucken nicht mehr richtig. Sie sehen die Schönheit nicht mehr."
- "Aber Schönheit liegt im Auge des Betrachters."
- "Und was, wenn der Betrachter das vergessen hat?"

Wie großartig! Nicht das Kino ist in der Krise, sondern der Zuschauer. Weil wir meinen, wir hätten schon alles gesehen, weil wir denken, wir wären zu abgebrüht, um den Illusionen, Träumen und Fantasien des Kinos noch zu verfallen. Gegen diese Arroganz setzt Carax einen elektrisierenden Bilderreigen. Das ist manchmal komisch, manchmal schockierend, manchmal berührend, manchmal sogar etwas dumm - aber es ist immer Kino. Und man könnte noch viele Seiten mehr schreiben, doch auch das würde Holy Motors nicht gerecht werden. Sein Sinn ist es einzig und allein gesehen und damit erlebt zu werden.

(Patrick Wellinski)

Bisherige Kommentare

(Anzeige: 1 von insgesamt 1)
Von: gjh am: 31.05.14
Das ist eine Kritik. Ohne den Film zu zerpflücken steut sie ihm Blume. Auf, und hinein ins Vergnügen.