14 20/05

Foxcatcher

Glaubt man den amerikanischen Kollegen hier in Cannes, dann müsste sich Foxcatcher im nächsten Frühjahr auf den Nominierungslisten für die Academy Awards wiederfinden. Wie so häufig trennt die USA und Europa nicht nur ein Ozean, sondern auch der Blick auf Filme und ganz speziell auf diesen. Was freilich auch daran liegen mag, dass die wahren Begebenheiten, auf denen Foxcatcher beruht, dort wahrscheinlich wesentlich bekannter sind als hierzulande. Dabei ist Foxcatcher beileibe kein schlechter Film - aber eben auch nicht das Meisterwerk, als das er hochgejazzt wird.


(Still aus Foxcatcher - Courtesy Festival de Cannes)

Die Geschichte handelt von den amerikanischen Olympiasieger im Ringen des Jahres 1984 Mark Schultz (Channing Tatum), der eines Tages von dem exzentrischen Millionenerben John E. du Pont (Steve Carrell) das Angebot erhält, ihn finanziell zu unterstützen, damit sich Schultz auf die Olympischen Spiele 1988 vorbereiten kann. Mark lässt sich auf dieses Angebot ein und mit der Zeit baut der etwas wunderliche du Pont ein privat finanziertes Leistungszentrum auf, das die Grundlage für einen amerikanischen Olympiasieg in seiner Lieblingssportart legen soll. Weil du Pont genau weiß, dass Mark ohne seinen älteren Bruder und Trainer nur halb so gut ist, wie er sein könnte, versucht er auch diesen auf seine Seite zu ziehen und vor seinen patriotisch motivierten Karren zu spannen. Zwar lässt David sich auf den Deal ein, doch er steht dem Millionenerben wesentlich kritischer gegenüber als Mark, der immer mehr unter den schlechten Einfluss des Mäzens gerät. Ein Konflikt, der sich schließlich in einer heftigen Eruption entladen wird...

Channing Tatum bekannte, dass seine Rolle, die schwerste seiner bisherigen Karriere gewesen sei. Das glaubt man gerne, wenn man die Kampfszenen sieht - sofern diese von Tatum selbst absolviert wurden. Sie strahlen genau die Mischung aus Athletik und Schwerlosigkeit aus, die den Ringersport in den Augen seiner Fans auszeichnen. Mimisch hingegen dürfte für die Rolle ein Blick in das kleine Handbuch des Filmschauspiels gereicht haben. Denn dieser Mark Schultz ist von eher kleinem Gemüt und schaut vorwiegend finster drein oder lässt die gewaltigen Kieferknochen mahlen. Sehr viel beachtlicher ist hingegen die darstellerische Leistung des vorwiegend auf Komödien abonnierten Steve Carrell, der dem wunderlichen Multimillionär eine fast schon beängstigende Unscheinbarkeit verleiht.

Es gibt Szenen, in denen du Pont fast mit seiner Umwelt zu verschmelzen scheint und beinahe schon durchsichtig anmutet, dann wieder kurze Kostproben seines Geisteswelt, die eigentlich der eines verwöhnten, kleinen Jungen gleicht. Geradezu schmerzhaft deutlich wird dies, als der "goldene Adler", wie er sich selbst nennen lässt, in Anwesenheit seiner greisen Mutter seinen Jungs Anweisungen für Bewegungsabläufe gibt, die vermutlich jeder Anfänger beherrscht. Hier wird klar, wie sehr du Pont Zeit seines Lebens auf der Suche nach Anerkennung war; ein Grundmotiv seines Handelns, das später krankhafte Züge annehmen wird. Ergänzt wird das schauspielerische Trio von Mark Ruffalo, dem einzigen wirklichen Sympathieträger in dieser Dreierkonstellation, der als Marks älterer Bruder den Avancen und Einflussnahmen du Ponts kritisch gegenübersteht.


(Foxcatcher - Trailer (englisch))

Erzählt wird das Ganze streng chronologisch und recht nüchtern mit reduzierter Farbpalette, in den vor allem die grellen Sportjacken, die du Pont manchmal trägt, kleine Farbtupfer einstreuen und seine Isolation gegenüber seiner Umwelt ebenso symbolisieren wie seinen Wunsch, als andere Person wahrgenommen zu werden als nur als versponnener Mäzen. Zurückhaltend wie selten in Sportlerdramen US-amerikanischer Herkunft ist auch die musikalische Gestaltung geraten, die ebenfalls nur vereinzelt Akzentuierungen setzt und gelegentlich ironisierend das Gezeigte konterkariert.

Dass der Film trotz dieser guten und richtigen Entscheidungen nicht so richtig zu greifen vermag, liegt vor allem daran, dass zwei der drei Hauptpersonen eher unsympathisch (Carrell) bis nichtssagend (Tatum) gezeichnet ist, während der einzige wirkliche Sympathieträger (Ruffalo) ausgerechnet derjenige ist, der mit Abstand am seltensten auftaucht. So wird dieser Film (mir zumindest) vor allem durch Carrells darstellerische Leistung im Gedächtnis bleiben. An einen großen Kinoerfolg in Deutschland sollte man hingegen nicht glauben. Und dass Bennett Millers Drama für eine Goldene Palme in Frage käme, wäre vor allem ein sicheres Anzeichen dafür, wie schwach in diesem Jahr der Wettbewerb besetzt war - denn genau das zeichnet sich nun - nachdem etwas mehr als die Hälfte des Festivals vergangen ist, ab. Aber wir haben ja noch ein Weilchen.

(Joachim Kurz)