14 19/05

Force Majeure

Das iPhone ist an allem schuld. Nein, das ist keine Aussage von Medienkritikern, sondern so könnte man die Ausgangssituation von Ruben Östlunds brillanter und bitterböser familiärer Versuchsanordnung beschreiben, die anhand eines kleines Vorfalls eine ganz normale schwedische Familie genüsslich zerlegt. Doch der Reihe nach...


(Still aus Force Majeure - Courtesy Festival de Cannes)

Tomas (Johannes Bah Kuhnke) und Ebba (Lisa Loven Kongsil) sind ein ganz normales Ehepaar aus Schweden. Gemeinsam mit den beiden Kindern Vera und Harry haben sie sich einen kurzen Skiurlaub in einem französischen Wintersportort gegönnt, eine dringend benötigte "quality time" für die Familie, da Tomas viel zu viel Zeit bei der Arbeit verbringt und selbst im Urlaub immer wieder nach dem iPhone greift, seiner Verbindung zu der Welt da draußen. Das wäre vielleicht alles kein Problem und kommt bestimmt in vielen Familien vor, doch dann geschieht am zweiten Tag des Urlaubs etwas Unvorhergesehenes, das das Dilemma auf den Punkt bringt: Als die Familie sich zum Mittagessen auf der Terrasse einer Skihütte niederlässt, wird in der Nähe eine Lawine kontrolliert zum Abgang gebracht - ein Schauspiel, das die binnen weniger Sekunden in eine scheinbar lebensgefährliche Situation verwandelt, denn die Lawine wird größer und größer und rast direkt auf die Terrasse des Restaurants zu - und dort verwandelt sich die anfängliche Faszination für das Naturschauspiel in nackte Panik. Und Tomas reagiert in diesen Sekunden rein instinktiv: Statt sich um seine Frau und die Kinder zu kümmern, schnappt er sich sein Mobiltelefon und lässt seine Familie für einen kurzen Moment im Stich. Zwar kommt die Lawine (natürlich) vor der Terrasse zum Stillstand, doch die Beinahe-Katastrophe hat Elbas Vertrauen in ihren Mann nachhaltig erschüttert - sie kann einfach nicht vergessen, dass er sie und die Kinder im Angesicht des Todes einfach im Stich gelassen hat. Immer wieder muss sie von diesen Sekunden sprechen. Diese ständige Konfrontation mit seiner Schuld, die er in einem einzigen unbedachten Moment auf sich geladen hat, setzt in Tomas Mechanik in Gange, die sich verheerend auf die Familie auswirkt.


(Force Majeure - Clip)

Wie verhalten sich Menschen in Extremsituationen? Und wie wirkt sich dieses instinktives Verhalten - vor allem dann, wenn es falsch im Sinne von moralisch nicht korrekt war - auf sie und ihre Mitmenschen aus? Aus dieser recht simplen, aber zugleich zutiefst philosophischen Fragestellung heraus entwickelt der schwedische Regisseur Ruben Östlund eine faszinierende Studie über familiäre Strukturen und das Verhalten in Extremsituationen. Formal von äußerster Strenge, eingeteilt in Kapitel, die den Urlaubstagen zugeordnet sind und mit einer exzellenten Kameraarbeit, die den Kontrast zwischen moderner Hotelarchitektur und der erhabenen Bergwelt betont, erinnert der Film stellenweise (und das liegt nicht allein an der alpinen Bergwelt) an die Arbeiten Ulrich Seidls und an dessen zwischenmenschliche Versuchsanordnungen. Die Strenge von Force Majeure lässt wenig Raum für Interpretationen und man mag und kann gegen diesen Film einwenden, dass er in seinem Traktat dem Zuschauer kaum einen Freiraum lässt. Jede Einstellung, jede Szene, jeder Dialogsatz ist ausgerichtet auf den Diskurs, den der Film verhandelt. Das Beachtliche aber ist, wie sehr es Östlund dennoch gelingt, Humor und feine Beobachtungen mit in diese Thematik einfließen zu lassen, die dem Film aller Rigorosität zum Trotz eine große Wärme und Sensibilität verleihen.

Schon in Play aus dem Jahre 2011 hatte sich Östlund einem Thema gewidmet, das anhand einer konkreten und lebensnah gestalteten Situation Fragestellungen behandelt, die weit über das Gezeigte hinausgingen. Mit Force Majeure ist ihm das noch einmal auf sehenswerte Weise gelungen - ein Lehrstück über die menschliche Natur und dennoch niemals mit jenem Ruch der Künstlichkeit behaftet, den solch eine Verbindung oftmals gerne annimmt. Und genau das macht Östlund zu einem aufregenden Regisseur, den man auf jeden Fall im Auge behalten sollte.

(Joachim Kurz)