"Captain Fantastic" von Matt Ross - Cannes Blog - kino-zeit.de - das Portal für Film und Kino
16 18/05

"Captain Fantastic" von Matt Ross

Ben Cash (Viggo Mortensen) zieht in einem Waldstück irgendwo in der Wildnis bei Washington seine sechs Kinder groß. Die Großfamilie hat es sich gut eingerichtet. Zusammen erlegen sie Wild, pflegen ihren Pflanzengarten und sammeln Wasser. So natürlich wie möglich soll das Leben sein. Aber nicht ohne Regeln und Prinzipien.


(Bild aus Captain Fantastic von Matt Ross; Courtesy of Festival de Cannes)

Im Gegenteil, der Alltag ist relativ streng reglementiert. Jeden Morgen wird Sport gemacht (Yoga, Ausdauer, Klettern, Selbstverteidigung), jeder hat seine Aufgaben und abends liest man gemeinsam am Feuer Bücher, die vom Vater in Tests abgefragt werden. Doch es geht nicht um das Auswendiglernen, sondern um das Argumentieren und Diskutieren. Die Kinder sollen kritisch sein, sich eine eigene Meinung bilden. Nur ist der begrenzte Lesestoff – und damit auch der Blick in die restliche Welt – eindeutig von den politischen Ansichten des Vaters geprägt. Ideologisch eher auf der kommunistischen Seite, zelebriert Ben mit seinen Kindern Noam-Chomsky-Day statt Weihnachten. Die Welt schein idyllisch. Die Kinder sind nackt oder tragen, was sie wollen, die Gespräche sind offen und ehrlich, die Familie ist liebevoll.

Doch die Mutter fehlt. Sie wurde vor drei Monaten ins Krankenhaus gebracht, weil sie psychisch krank geworden ist. Erst nach einer Weile legt der Film diese Tatsache frei, die der paradiesischen Idylle einen bitteren Beigeschmack gibt. Aber es kommt noch schlimmer. Bens Frau bringt sich um, der Schwiegervater gibt ihm die Schuld, behauptet, er habe sie verrückt gemacht, und verbietet ihm, zur Beerdigung zu kommen. Doch Ben packt die Kinder ein und fährt trotzdem. Denn seine Frau, eine gläubige Buddhistin, soll katholisch beerdigt anstatt verbrannt werden. Also begibt sich die Großfamilie in einem alten Bus auf eine mehrtägige Reise, um die Mutter zu retten. Die Konfrontation mit der Außenwelt führt natürlich zu noch mehr Problemen für Vater und Kinder. Seine Erziehungsmethoden kommen von außen stark unter Beschuss und auch im Inneren beginnt es zu brodeln, als einige Familienmitglieder bemerken, dass sie zwar viel wissen, aber vom richtigen Leben wirklich gar keine Ahnung haben.


(Trailer zu Captain Fantastic)

Matt Ross’ zweiter Langfilm Captain Fantastic erinnert an Little Miss Sunshine. Bunt und vibrierend zeigt sich hier ein anarchistischer Gegenentwurf zum politisch Korrekten und zum "Normal-Sein". Die Familie ist eine intellektuelle Hippiebande, die schon allein damit, dass sie immer alles offen und ehrlich bespricht, seien es Sex, Selbstmord oder die eigenen Gefühle, eine wahre Revolution im restlichen Amerika auslöst. Die Inszenierung unterstützt die bunten Vögel dabei. Mal nackt ("Es ist nur ein Penis, wissen Sie?"), mal in Hippieklamotten kommen sie daher und sprengen einfach alles. Dabei sind sie nur sie selbst, ohne Hemmungen oder gelerntes Verdrängen der eigenen Gefühle. Wahrlich, es ist ein kathartisches Fest, der Familie zuzusehen. Hier merkt man erst, wie gefangen man selbst manchmal ist. Und doch, ein kleiner nagender Zweifel ist stets dabei. Denn die scheinbare Freiheit von allen Konventionen hat einen Preis: Isolation. Ben hat sie selbst gewählt, doch seine Kinder hatten diese Möglichkeit nicht.

Viggo Mortensen brilliert in seiner Rolle als prinzipientreuer und strenger Vater, der unter all den Regeln und der Abneigung gegenüber "Corporate America" vor allem große Liebe für seine Kinder empfindet. Er glaubt, er beschützt sie. Es ist herzzerreißend, seiner perfekt temperierten und wohl nuancierten Fahrt zurück in ein anderes Leben zu folgen, wohlwissend, dass sie das Ende des Paradieses einläuten könnte und dieser Mann noch mehr als seine Frau verlieren wird.

Doch trotz der schwierigen Themen ist Captain Fantastic auch immer wieder leicht und beschwingt. Im Grundton positiv und liebevoll, lässt er einem diese Familie unglaublich schnell ans Herz wachsen, und man beobachtet fast besorgt das weitere Geschehen und die tiefen Gefühle und Wunden, die die Familie bearbeiten muss. Dabei bricht der Film einem ganz langsam und behutsam das Herz, nur um es dann wieder ein wenig zu kitten.

(Beatrice Behn)