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17 27/05

Cannes 2017: „You Were Never Really Here“ von Lynne Ramsay

Sechs Jahre mussten wir auf einen neuen Film von Lynne Ramsay warten. Und das war schon allein deshalb nicht einfach, weil ihr letzter Film We Need to Talk About Kevin doch ein phänomenales Werk voller Wucht war. Doch das Warten hat sich gelohnt. Ramsay kehrt mit You Were Never Really Here stärker denn je zurück - und das mit einem Film, der eigentlich ganz klein ist, der aber dann doch eine Größe entwickelt, die einen mit Staunen aus dem Kino entlässt. Ihre Adaption von Jonathan Ames` Novelle ist eine stark kondensierte und konzentrierte Bearbeitung, die von der ersten Sekunde an aufzeigt, dass sie es ist, die die vollständige Kontrolle über den Stoff hat und diesen in Perfektion auf die Leinwand bringt. 


(Bild aus You Were Never Really Here; Courtesey of the Festival de Cannes)

Joe (Joaquin Phoenix) lässt sich für die schmutzige Art von Detektivarbeit anheuern. Seine Spezialität: gekidnappte Kinder wiederbeschaffen. Am Anfang des Filmes wischt er noch das Blut von seiner liebsten Waffe, einem Hammer, und kassiert das Geld für eine erfolgreiche Rückführung ein. Dann versorgt er zuhause - er wohnt bei seiner sehr alten und kranken Mutter - seine Wunden. Und Wunden hat er sehr viele. Sein massiger Körper ist übersät von Narben. Woher sie stammen, wird man nie erfahren, doch der Film erlaubt immer wieder durch kurze, scharfe Rückblenden Einblicke in eine Kindheit voller Gewalt und Missbrauch und weitere traumatische Momente beim Militär und beim FBI. Fakt ist: Joe ist ein Mann, der viel Schlimmes gesehen und erlebt hat - und das hat ihn verändert. Er ist, wie der Filmtitel es schon sagt, nie so richtig da. Man sieht es ihm an, die schweren Traumatisierungen haben seine Persönlichkeit stark verändert, er wandert wie ein Widergänger durch sein eigenes Leben und sucht den Schmerz und den Thrill, um sich ab und an zumindest ein wenig zu spüren. Sein neuer Auftrag ist dafür hervorragend geeignet. Er soll Nina finden, die kleine Tochter eines Senatoren, die in einem geheimen Bordell eines Pädophilenrings gelandet ist. Ihre Wiederbeschaffung gelingt, doch dann ist ihr Vater und Joes Auftraggeber plötzlich tot und Joe und Nina geraten ins Kreuzfeuer.

You Were Never Really Here ist eine unglaubliche Tour de Force, die durch die eigentlich recht schnell erzählte Geschichte hindurchprescht, wie Joe auf einer seiner Hammer schwingenden Befreiungstouren. Sie erinnert an Taxi Driver, an Leon - Der Profi oder Old Boy. Jedoch transformiert Ramsay diese Genre-Klassiker, denn ihr geht es nicht darum eine gute, blutige Heldengeschichte zu erzählen. Im Gegenteil, immer wieder spart sie die genrerelevanten Momente komplett aus. So sieht man Joe bei einer Arbeit mit dem Hammer manchmal erst, wenn er sie schon verrichtet hat und jemand blutüberströmt am Boden liegt. Seine Rage, sein Akt der Aggression, also der Schauwert und die Action selbst, sind nicht vorhanden, sondern scheinen  ausgeblendet, vielleicht auch verdrängt. Vielmehr arbeitet Ramsay hier mit allen kinematographischen Mitteln, um eine möglichst präzise Darstellung der Empfindungswelt ihres hochgradig traumatisierten Hauptcharakters zu machen und dabei die Genrekonventionen, aus denen die Geschichte entspringt, mit viel Raffinesse komplett zu dekonstruieren. 


Clip aus You Were Never Really Here

Anders gesagt ist You Were Never Really Here das Nachempfinden der Symptome einer posttraumatischen Belastungsstörung. Und da stützt sich Ramsay nicht nur auf die sonst üblichen Flashbacks. Nein, wie der Filmname schon sagt, inszeniert sie Joe als einen Mann, der oftmals gar nicht so richtig da ist. Er wandelt durch die Welt mit müden Augen, die nur scharf sehen, wenn er Schmerz verspürt oder Angst bekommt. Und die hat er sehr oft. Da wird dann plötzlich das Bild noch schärfer, der Fokus der Kamera legt sich auf Details und der Soundtrack ändert seine Geschwindigkeit und arbeitet sich hinein in quietschende Dissonanzen, die Schmerz und Wahnsinn, die in Joes Brust gegen ihn ankämpfen, perfekt zum Ausdruck bringen. Auch Stimmen sind immer wieder im Einsatz. Es vermengen sich Joes Stimme als Kind mit seiner jetzigen und der von Nina - alles verlorene Seelen, die ihren Schmerz damit zu stillen versuchen, dass sie wie audiovisuelle Geister zusammen von 50 rückwärts zählen. Aber es sind vor allem die lustig-absurden Momente, die dem Film ein tiefes Gefühl von Humanität geben. Und diese sind oft, wie bei Scorsese, markiert durch den Einsatz alter, schmalziger Schlager, deren Texte die Situation ironisch kommentieren. 

Natürlich kommt hier auch Joaquin Phoenix' außerordentliches Schauspieltalent gut zu Geltung. Mit Figuren, die vor Verzweiflung dem Wahnsinn ganz nahe sind, kennt er sich aus und er kann Joe, den stillen Mann, hier mit viel Güte, aber auch Intensität ausstatten, so dass man ihm stets wohl gesonnen ist und mit ihm empfindet. Phoenix arbeitet sich durch das Material mit Raffinesse und vermag sowohl die leisen Töne als auch die lauten präzise zu treffen. 

Auch die surrealen, fast märchenhaft anmutenden Augenblicke, mit denen der Film gespickt ist, hält er fest zusammen. Das ist vor allem deshalb wichtig, weil die Geschichte selbst eher aus zusammengesetzten Einzelstücken, gespickt mit Ellipsen, Suggestionen, temporalen und örtlichen Verwirrungen besteht - eine Folge von Ramsays genialem Experiment, dem Publikum so wenig zu erzählen und ihre Geschichte eher suggestiv und auch der Gefühlsebene wirken zu lassen. Und genau das macht aus You Were Never Really Here einen wirklich erstaunlichen und wirkungsvollen Film.

(Beatrice Behn)