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17 01/06

Cannes 2017: "Wind River" von Taylor Sheridan

Er sei das Beste und Aufregendste, was dem amerikanischen Independent-Kino in den vergangenen Jahren passiert sei, sagen nicht wenige über Taylor Sheridan, der sich nach einer mäßig erfolgreichen Schauspielerkarriere (Sons of Anarchy, Veronica Mars) als Drehbuchautor versuchte. Große Worte, die jeden Newcomer nach zwei Filmen womöglich arg unter Druck gesetzt hätten. Doch Sheridan, ehrgeiziger Amerikaner der er ist, hat sich vom Erfolg seiner Drehbücher zu Sicario und Hell or High Water (wofür es sogar eine Oscar-Nominierung gab) viel mehr beflügeln lassen und für das dritte bei Wind River nun sogar auf dem Regiestuhl Platz genommen.


(Bild aus Wind River; Courtesy of Festival de Cannes)

Seine erste eigene Inszenierung beginnt gleich rasant: In einer nächtlichen Schneelandschaft läuft eine junge Frau panisch um ihr Leben, hinein ins dunkle Nichts des Waldes. Ein paar Tage später wird Wildhüter und Fährtensucher Cory Lambert (Jeremy Renner) die Leiche finden: eine vergewaltigte 18-Jährige, gestorben an der bitterkalten Luft in ihren Lungen im Wind-River-Reservat der Native Americans in der Ödnis von Wyoming. Schnell gilt die Sache als Mordfall, weswegen außer der Reservats-Polizei (in Gestalt von Graham Greene) auch das FBI eingeschaltet wird. Doch weil Agentin Jane Banner (Elizabeth Olsen) weder mit der unwirtlichen Witterung noch mit den Regeln des Reservats vertraut ist, bittet sie Lambert um Mithilfe bei ihren Ermittlungen. Er ist der einzige Weiße, der auf dem Gebiet der amerikanischen Ureinwohner jagen darf, war mit einer Frau des Stammes verheiratet und leidet obendrein noch immer unter dem Tod seiner Tochter, die mit dem Opfer befreundet war. Es dauert nicht lange, bis das ungleiche Duo – Schneestürme hin oder her – der Wahrheit auf die Spur kommt.

Schon zu Beginn entfaltet Wind River ähnliche Qualitäten wie die ersten beiden von Taylor Sheridan geschriebenen Filme, woran sich bereits erkennen lässt, wie viel mehr seine Drehbücher zu bieten haben als Plot und Dialoge. Auch Wind River baut in kürzester Zeit eine unglaubliche dichte Atmosphäre auf, fängt in bemerkenswerten Bildern (Kamera: Ben Richardson) sowohl die Mächtigkeit der Natur als auch die ärmliche Trostlosigkeit des Reservats ein und dreht langsam und sicher immer weiter an der Spannungsschraube. Dazu kommt nicht nur ein gewohnt guter Score von Nick Cave und Warren Ellis, sondern auch ein Protagonist, wie er im US-Kino aktuell eher eine Seltenheit ist: trotz des persönlichen Traumas bodenständig, zuverlässig und hart arbeitend – und obendrein unerschrocken den eigenen Emotionen gegenüber. Jeremy Renner jedenfalls hat man so und so gut kaum je gesehen.


(Bild aus Wind River; Courtesy of Festival de Cannes)

Womit wir allerdings auch schon bei den Problemen des Films sind, die dafür sorgen, dass Wind River am Ende eben doch nicht mehr ist als ein solider Thriller. Olsens FBI-Agentin ist nämlich im Milieu der Geschichte nicht nur die Neue und Fremde, sondern auch die, der der männliche Held helfen muss. Für die Handlung wäre das in diesem Maße nicht nötig gewesen, lässt aber (auch mit Blick auf Sicario) den Verdacht aufkommen, dass Sheridan es mit Frauenfiguren nicht so hat.


(Trailer zu Wind River)

Nicht unproblematisch, aber zumindest nachvollziehbar ist, dass Sheridan seine in der Welt der Native Americans angesiedelte Geschichte über zwei weiße Protagonisten erzählt. Er habe, so der einst mit einer amerikanischen Ureinwohnerin liierte Regisseur im Interview, das Reservat aus der ihm eigenen Perspektive zeigen wollen. Gerade weil man spürt, dass er weiß, wovon er hier spricht, hätte man sich allerdings gewünscht, noch ein wenig mehr über die Realität dieser in sich ziemlich geschlossenen Gesellschaft zu erfahren. Die größte Schwäche des Films ist allerdings sein Schluss. Gleich zweimal setzt Wind River zum Showdown an, wobei jegliche Subtilität des Films zugunsten größtmöglicher Brutalität, Rache-Symbolik und Exploitation flöten geht. Schade, denn dass Sheridan das Zeug dazu hat, irgendwann tatsächlich zur interessantesten Stimme des US-Kinos zu werden, lässt sich hier durchaus erkennen. Vielleicht gab es deswegen in Cannes auch den Regie-Preis der Nebensektion Un Certain Regard.

(Festivalkritik von Patrick Heidmann)

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