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17 18/05

Cannes 2017: "Loveless" ("Nelyubov") von Andrei Swjaginzew

Bereits mit seinem vorigen Film Leviathan hatte Andrei Swjaginzew den Wettbewerb von Cannes 2014 auf eine emotionale Achterbahnfahrt geschickt, drei Jahre später gelingt ihm mit Loveless noch einmal das gleiche. Und wie es der Zufall oder das Geschick der Programmgestaltung will, setzt er damit einen ersten Kontrapunkt. Denn wie Arnaud Desplechins Eröffnungsfilm Les fantômes d’Ismaël handelt der Film vom Verschwinden eines Menschen – dies aber sehr viel fokussierter, ernsthafter und berührender, als es dem Franzosen mit seinem stargespickten Ensemble gelungen ist.


(Bild aus Loveless; Courtesy of Festival de Cannes)

Alyoscha heißt der Junge, den die Kamera ist einer der ersten meisterhaften Einstellungen erst nach einiger Zeit aus der Masse herausschält. Lange verweilt sie zuvor in einer starren Einstellung auf einem Schulhof und dem Ausgang, aus dem sich Kinder nach dem Ende des Unterrichts herausbegeben. Erst ganz zum Schluss bewegt sie sich und folgt einem der Kinder – eben Alyoscha – auf seinem Weg durch einen urtümlichen Wald, der im Kontrast zu der hässlichen Hochhausanlage steht. Es sind die letzten Momente der Ruhe, des Verweilens, denn was den Jungen zu Hause erwartet, wird ihn schließlich hinweg treiben und letzten Endes sein Verschwinden verursachen.

Alyoschas Mutter Zhenya ist nicht nur achtlos, sondern verhält sich geradezu aggressiv gegenüber dem Jungen; als eine Familie zu einer Besichtigung kommt, weil die Wohnung verkauft werden soll, setzt es eine Kopfnuss, weil ihr Sohn nicht schnell und ordentlich genug grüßt. Es ist die einzige Form von „Aufmerksamkeit“, die Zhenya für Alyoscha übrighat, sonst würdigt sie ihn keines Blickes, sondern tippt die ganze Zeit auf ihrem Smartphone herum. Später kommt Boris, Alyoschas Vater und Zhenyas Noch-Ehemann, dem diese kaum freundlicher begegnet. Beschimpfungen und Flüche lassen deutlich werden, dass diese Ehe längst nur noch auf dem Papier besteht, zumal sich beide Partner, wie sich später herausstellen wird, längst anders orientiert haben. Der einzige, der bis zu diesem Tage nichts davon weiß (aber ganz sicher die Spannungen und Streitereien gespürt hat), ist Alyoscha. Doch als die Mutter nach dem heftigen Streit in ihrem Schlafzimmer verschwindet, während es sich der Vater auf der Couch „gemütlich“ macht, schließt sich eine Tür, hinter der sich Alyoscha befindet, und sein Gesicht ist gezeichnet von Schmerz und Entsetzen, der Mund verzerrt und zu einem stummen Schrei geöffnet. Es ist das letzte Bild, das der Zuschauer von dem Kind sieht – und es ist eines, das sich einprägt, das trotz des Verschwindens diesem Film fortan eingeschrieben sein wird.


(Bild aus Loveless; Courtesy of Festival de Cannes)

Bis Zhenya und Boris Alyoschas Verschwinden bemerken, wird einige Zeit vergehen, erst der Anruf der Schulleitung bringt es an den Tag. Das liegt unter anderem daran, dass beide Elternteile so viel Zeit und Energie für den Aufbau ihres neuen Lebens verwenden, so dass für das alte – und damit den Jungen – keine mehr da ist. Immer wieder betont Zhenya in Gesprächen sowohl mit Boris als auch mit ihrem neuen Liebhaber, dass sie das Kind nie gewollt habe, dass es besser gewesen wäre, wenn sie sich damals mit ihrem Wunsch nach einer Abtreibung durchgesetzt hätte. Boris’ neue Partnerin ist selbst schwanger, zugleich erfordert das Verbergen seiner familiären Situation Aufmerksamkeit, da sein Chef ein christlich-orthodoxer Fundamentalist ist, der keinerlei zerrüttete Verhältnisse bei seinen Angestellten duldet. Angeblich, so flüstert ihm ein Arbeitskollege zu, gäbe es irgendwo einen Angestellten innerhalb der Firma, der tatsächlich geschieden sei, doch der habe sich so schnell wiederverheiratet, dass dies von der Geschäftsleitung unbemerkt geblieben sei.

Was folgt, ist die fieberhafte Suche nach dem Alyoscha, bei der auch die Eltern mitwirken, weil das schlechte Gewissen und womöglich auch die Einsicht um die eigenen Fehler sie dazu antreibt. Zuerst nimmt sich die Polizei der Angelegenheit an, später wird eine freiwillige Hilfsorganisation die Nachforschungen fortführen. Es wird eine Reise durch verlassene Gebäude, in Kranken- und Leichenschauhäuser, zu Schulkameraden, doch jede noch so kleine Spur führt ins Leere und verdeutlicht letzten Endes nur, wie wenig die Eltern über ihr Kind eigentlich wissen.

An einer Stelle heißt es aus dem Radio, dass die Prophezeiung des Endes der Welt durch den Maya-Kalender die Menschen in Russland in hysterische Angst versetzt habe. Swjaginzews Apokalypse ist viel kleiner – und doch geht sie tief unter die Haut: Die letzten Tage Alyoschas, von dem am Ende nicht viel mehr bleiben wird als ein Absperrband, das von einem Baum herabhängt, sind nur nicht deswegen so emotional bewegend, weil man mit nur einem Bild all die Verwahrlosung und Rücksichtslosigkeit verdichtet zu sehen bekommt. Sie sind es auch, weil Swjaginzew jenseits und zwischen der Bilder eine Ahnung davon vermittelt, dass Alyoscha kein Einzelfall und die Gefühlskälte seiner Eltern keine Ausnahme, sondern eher die allgemeine Geisteshaltung im Russland unter Wladimir Putin sind.

(Festivalkritik von Joachim Kurz)

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