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17 26/05

Cannes 2017: "L’amant double" von François Ozon

Es gibt Filme, die durchaus dazu führen können, dass vertraute Begriffe fortan in einem neuen Kontext erscheinen. François Ozons neues Werk L’amant double ist so ein Fall, denn was der Regisseur zu Beginn seines Films als erstes Bild präsentiert, könnte die Assoziationskette von Filmkritikern bei dem terminus technicus „Opening Shot“ künftig in eine andere Richtung verschieben: Die Kamera zoomt zurück aus einer durch ein gynäkologisches Instrument gespreizten Vagina und wagt dann noch einen kühnen Schnitt auf ein Auge, bevor sich die Geschichte entfaltet.


(Bild aus L’amant double; Courtesey of Festival de Cannes)

Ein furioser Auftakt und in ähnlicher Weise spektakulär wie Yorgos Lanthimos in The Killing of a Scared Deer vorlegte. Beides sind Filme, die nicht nur zu Beginn buchstäblich unter die Haut gingen, sondern darüber hinaus wohl auch dem Jurypräsidenten Pedro Almodovar einiges Vergnügen bereitet haben dürften.

Chloé (Marine Vacth) ist eine junge Frau, die seit längerem unter rätselhaften Leibschmerzen leidet. Weil alle Untersuchungen, auch die zu Beginn des Films, keinerlei Ergebnisse bringen, wird ihr angeraten, doch mal zu einem Psychologen zu gehen, da die Ursachen möglicherweise nicht-körperlicher Natur seien. Also sucht sie Paul Meyer (Jérémie Renier) auf. Nach einigen Sitzungen geht es ihr besser, weil sie sich zum ersten Mal verstanden und weniger einsam fühlt, und sie beginnt, mit dem Psychologen zu flirten. Auch Meyer entwickelt Gefühle für seine Patientin, ist aber professionell genug, die Behandlung abzubrechen und stattdessen eine Beziehung mit Chloé einzugehen. Da die Symptome nunmehr kaum mehr auftreten, steht einer glücklichen gemeinsamen Zukunft nichts mehr im Weg, sollte man meinen. Dann aber entdeckt Chloé beim Verräumen der persönlichen Sachen einen annullierten Ausweis ihres Partners, auf dem ein anderer Name steht. Und nun ist sie es in einer Umkehrung der ursprünglichen therapeutischen Situation, die unbedingt hinter die Gründe für seinen Namenswechsel kommen möchte. Der versucht, die ganze Angelegenheit herunterzuspielen, doch Chloé lässt nicht locker und findet schließlich durch einen Zufall heraus, dass Paul einen Zwillingsbruder hat, den er so sehr aus seinem Leben verdrängt hat, dass er dessen Existenz schlichtweg negiert. Und mehr noch: Auch der Bruder praktiziert als Psychologe, gleichwohl mit einem ganz anderen Charisma und einem differierenden therapeutischen Instrumentarium ausgestattet. Fasziniert vom arrogant-herablassenden Auftreten von Louis beginnt Chloé Therapiesitzungen bei ihm, ohne zu enthüllen, dass sie das Verbindungsglied zu Louis’ Bruder ist. Und schnell wird aus der therapeutischen Beziehung eine leidenschaftliche sexuelle Affäre. die schließlich alles ins Rollen bringt ...


(Trailer zu L’amant double)

L’amant double ist ein raffinierter erotisch-psychologischer Thriller, der sich trotz seiner eindeutigen Verortung in der Gegenwart anfühlt, als sei er in Wirklich viel älter. Das mag gewiss an den sichtbaren Vorbildern Ozons liegen, die der Regisseur lustvoll zitiert, aber niemals plump plagiiert. Unwillkürlich kommt einem Hitchcock in den Sinn, aber auch französische Thriller der 1980er und 1990er Jahre und vor allem zwei weitere Referenzen, die ein Kollege treffend auf den Punkt brachte: „Als sei David Cronenbergs Dead Ringer (Die Unzertrennlichen) von Brian De Palma inszeniert worden“. Ozon beherrscht das Spiel mit Spiegelungen und Doppelungen nahezu perfekt und scheut auch nicht davor zurück, immer wieder campy und sexy zu sein. Eine Mischung, die dem französischen Psychologenverband wohl weniger gefallen dürfte als dem Publikum.

(Festivalkritik von Joachim Kurz)

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