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17 19/05

Cannes 2017: "Jupiter’s Moon“ von Kornél Mundruczó

Es ist ohne Zweifel der Tag der Wunder in Cannes – aber leider trifft dies viel eher auf die Intention der Filmemacher als auf die Qualität der von ihnen vorgestellten Werke zu. Nach Todd Haynes’ zuckriger Beschwörung kindlicher Magie in Wonderstruck gilt gleiches auch für Kornél Mundruczós seltsamem Hybrid aus aktuellem politischem Kommentar und Superhelden-Epos im Arthouse-Stil, der einen syrischen Flüchtling im Ungarn Viktor Orbáns zu einem Engel der Lüfte werden lässt.

(Bild aus Jupiter's Moon; Courtesy of Festival de Cannes)

Beim illegalen Grenzübertritt von Serbien nach Ungarn geraten der junge Syrer Aryan (Zsombor Jéger) und sein Vater unter Beschuss von Grenztruppen, die wilde Jagd endet schließlich tödlich für den jungen Mann, niedergestreckt von drei Kugeln im Körper liegt er da – bis plötzlich das Blut, das aus seinen Wunden fließt, entgegen der Schwerkraft nach oben in die Lüfte schwebt und der Körper des angeblich tödlich Getroffenen gleich mit. Der erste, der etwas von diesem Wunder mitbekommt, ist der zynische Doktor Stern (Merab Ninidze), der nach einem ärztlichen Kunstfehler in einem der vielen Internierungslager für Flüchtlinge seinen Dienst versieht. Als er von den Wunderkräften Aryans Wind bekommt, sieht er seine Chance gekommen, mit dem Wunderknaben eine Menge Geld zu machen. Das benötigt er dringend, weil er sich von dem Rechtsstreit um die Folgen seines Kunstfehlers freikaufen will. Doch je länger er mit Aryan zusammen ist, desto mysteriöser wird es, wenn sich der Syrer plötzlich und wie von Geisterhand in die Luft erhebt. Und wie ließen sich diese Kräfte auch anders erklären – außer dass Aryan eben doch ein Engel ist oder vielleicht noch etwas weitaus Größeres? Für göttliche Sendboten aber gibt es in Zeiten wie diesen keinen Platz. Und so werden Doktor Stern und sein Schützling erbarmungslos von einem Lagerkommandanten und seinen Schergen gejagt, zumal die verloren gegangenen Papiere Aryans und seines Vaters islamistischen Attentätern unter den Flüchtlingen als Tarnung dienen.

(Bild aus Jupiter's Moon; Courtesy of Festival de Cannes)

Dass Kornél Mundruczó ein Filmemacher ist, den der Weg seines Landes zu einem zunehmend autoritären und xenophoben Staat umtreibt, dürfte zumindest seit seinem vorigen Film Fehér isten (Underdog) klar sein. In der Tat erinnert manches an Jupiter’s Moon an den Vorgänger: die Vorliebe des Regisseurs und seines Kameramannes etwa für Flugaufnahmen der Straßen Budapests, die fantastischen Elemente und SciFi-Motive sowie die pulsierenden Actionsequenzen, die gelegentlich eingestreut sind. Viel problematischer ist Jupiter’s Moon allerdings, wenn der Film dazu anhebt, zum philosophisch-moralischen Diskurs über die Gegenwart Gottes in einer gottlosen Zeit und einem gottlosen Land zu werden. Weil die Geschichte hier denkbar nebulös und unkonkret bleibt und sich bisweilen schale Witzchen erlaubt, die die Schwere der angerissenen Themen aufbrechen sollen, entsteht der Eindruck eines Werkes, das vor allem an seinen eigenen Ambitionen scheitert und en passant Entscheidungen trifft, die sich nachgerade kontraproduktiv zu den sicherlich hehren Absichten verhalten: Dass sich unter den Flüchtlingen natürlich auch fundamentalistische Attentäter befinden, widerspricht der eigentlichen Grundprämisse des Films dermaßen eklatant, dass man angesichts solcher Zuschreibungen schon schwer schlucken muss. Schade, dass Jupiter’s Moon mit solchen Fehlgriffen und mancherlei Irrwegen hinter seinen Möglichkeiten und der eigentlich faszinierenden Grundidee zurückbleibt. Denn im Grunde genommen böte der Film genügend Diskussionsstoff, der nur eine stärkere Fokussierung und wirkliche Vertiefung bedürft hätte. So aber bleibt der Film seltsam erdenschwer und in manchen Szenen ähnlich ungelenk wie die Flugversuche seines Protagonisten.

(Festivalkritik von Joachim Kurz)

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