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17 23/05

Cannes 2017: "Hikari" von Naomi Kawase

Die japanische Regisseurin Naomi Kawase gehört unbestritten zu den Lieblingen des Festivals von Cannes. Seit 1997 ihr Film Moe no suzaku in der Parallelsektion Quinzaine des Réalisateurs zu sehen war, ist sie regelmäßiger Gast des Festivals (zuletzt 2014 mit Still the Water und 2015 mit Kirschblüten und rote Bohnen). Daher verwundert es kaum, dass auch ihr neuestes Werk wieder einen Platz im exklusiven Wettbewerb des Filmfestivals bekommen hat.

(Bild aus Hikari, Courtesey of the Festival de Cannes)

Neben alle den erdenschweren, düsteren und depressiven Filmen, die bislang – passend zur Weltlage – den Tenor des diesjährigen Jahrgangs bestimmen, ist Hikari zwar auch keine Komödie, aber so sehr dem Sinnlichen und bemüht Schönen zugetan, dass mancher hier das als Wohltat empfinden mag. Ob es dann freilich so gefällig sein muss, steht auf einem ganz anderen Blatt.

Im Zentrum des Films steht die junge Misako, die sich als Verfasserin von Audiodeskriptionen für Blinde und Sehgeschädigte ihren Lebensunterhalt verdient. Um Feedback für ihre Arbeit zu bekommen, trifft sie sich regelmäßig mit Betroffenen, um deren Meinung einzuholen und nachzuforschen, welche Bilder ihre Worte im Kopf anderer Menschen auslösen. Bei einer dieser Sitzungen fällt ihr ein Mann namens Nakamori auf, der im Gegensatz zu den meisten anderen Teilnehmern noch über einen Rest Sehkraft verfügt. Seine Einwürfe und Korrekturen sind meist rüde vorgetragen und von einer leichten Aggressivität geprägt, die die schüchterne Misako in die Defensive drängt. Und dennoch hat dieser Mann etwas an sich, das sie nicht mehr loslässt. Es beginnt eine behutsame Annäherung aneinander. Und obwohl der frühere Fotograf schrittweise komplett sein Augenlicht verliert, lernt Misako doch etwas ganz Erstaunliches von ihm: das Sehen.

Naomi Kawase ist eine Filmemacherin der leisen Töne und des sinnlichen Erlebens, bei deren Werken es fast immer um Liebe und Trauer geht, um Verluste und Sehnsüchte, oftmals in bildmächtige und manchmal auch überzeichnete Metaphern gepackt, die sie nicht selten in die Nähe des wohlfeilen Arthouse-Kitsches führen. Hikari bildet da gewiss keine Ausnahme. Immer wieder kullern Tränen die Wangen herunter, sowohl in der Geschichte selbst wie auch in dem Film-im-Film, den Misako bearbeitet und dessen reklamierte Tiefe und Bedeutsamkeit ihr so viel Mühe machen. Gleichzeitig hat man aber stets das Gefühl, dass Kawase lediglich an der Oberfläche entlangstreift und außer recht allgemein gehaltenen Sätze über Kommunikation und Verständnis kaum wirklich Substanzielles zu vermitteln hat.

(Bild aus Hikari, Courtesey of the Festival de Cannes)

Wirklich gelungen ist der Film vor allem dann, wenn er sich auf die Kraft seiner Bilder verlässt: Dem Titel entsprechend badet Kawase manche Szenen förmlich im Licht und gibt ihren Figuren so eine Wärme und Strahlkraft, die sie allein durch die Geschichte selten zugeschrieben bekommen. Warum beispielweise Misako so unterwürfig und demütig auf Nakamoris Zurechtweisungen reagiert, ist schwerlich allein mit der weitaus höflicheren und auf Respekt beruhenden Form des Umgangs in Japan zu erklären. Zudem verliert der Film unvermittelt das Interesse an einem Nebenstrang der Erzählung, der doch am Anfang eingeführt und für Misako von Bedeutung zu sein scheint: Ihre eigene, zunehmend verwirrte Mutter und das innige Verhältnis zu ihrem bereits verstorbenen Vater spielen bis zu einer recht unmotivierten Szene am Schluss die ganze Zeit über keine Rolle mehr. Kein Wunder also, dass der Seitenstrang des Plots wie ein etwas abgegriffener Taschenspielertrick wirkt, um zur rechten Zeit zuverlässig das gewünschte Maß an Emotion zu triggern. Überzeugend ist dies allerdings nicht, passt aber zur bisweilen recht rührseligen und dann wieder wohltuend meditativen Stimmung, die den Film beherrscht.

Hikari ist wie eine cineastische Beruhigungspille in unruhigen Zeiten und hat als solche sicherlich seinen Platz in den Programmkinos verdient. Ob man allerdings diese Art von Kino in Cannes unbedingt mit einer Palme bedenken muss, ist bei aller Sympathie des Festivals gegenüber der Regisseurin dann doch eher zu verneinen. Aber gut, die Jury sieht das vielleicht anders …
 
(Festivalkritik von Joachim Kurz)

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