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12 19/05

Beyond the Hills

Wenn sich Voichita (Cosmina Stratan) und Alina (Cristina Flutur) gleich zu Beginn des neuen Films des Rumänen Cristian Mungiu begegnen, dann ist das ein tief verstörender Moment. Während Voichita ruhig und besonnen ist, klammert sich Alina an ihre Freundin und weint heftig. So nah werden sich die beiden in Beyond the Hills nur noch ein weiteres Mal kommen, doch da wird es für eine der beiden keinen Ausweg aus der Umklammerung mehr geben.

Alina ist aus Deutschland angereist, um Voichita nachzuholen. Beide Mädchen wuchsen im selben Waisenhaus auf. Alina hatte Voichita immer gegen die Übergriffe der Jungs verteidigt. Sie kann Karate. Aus der Freundschaft wurde mehr, die beiden verliebten sich. Doch dann ging Alina nach Deutschland und Voichita ins Kloster. Als Nonne lebt sie in einer kleinen abgelegenen Gemeinde außerhalb der Stadt. Eine Gruppe von Nonnen unterstehen hier dem Priester, den sie aber alle nur Papa (Valeriu Andriuta) nennen. Alina versteht nicht warum ihre große Liebe nun ihr Leben dem Glauben verschrieben hat. Sie will sie schnell wegbekommen, Voichita mit nach Deutschland nehmen, ihre Liebe leben und die Freiheit genießen. Doch Voichita hat sich scheinbar von ihrer Vergangenheit und ihren damaligen Gefühlen gelöst. Sie will im Kloster bleiben.

Die Ruhe und die Klasse der Erzählhaltung, die Mungius filmische Handschrift ausmacht, ist absorbierend. Die langen, meist stillen, Einstellungen, die über mehrere Minuten eine Sequenz aus einem einzigen Blickwinkel einfangen, gehören zum wesentlichen Stil des jungen rumänischen Kinos. In den glasklaren, tiefenscharfen Bildern wird der Blick des Zuschauers nicht wie im Hollywoodkino gelenkt. Was wichtig ist oder nicht, muss sich jeder beim Betrachten selbst erarbeiten. Gerade in Beyond the Hills mit seinen langen Gruppenbesprechungen zwischen den Nonnen und dem Priester entgehen einem beim ersten Betrachten viele kleine Details, und vor allem die zunächst unscheinbaren Regungen von Personen, die abseits der eigentlichen Handlung stehen.

Mungiu gelingt es damit komplexe Einzelheiten auszudrücken und seinen eigentlichen Plot nahezu beständig mit neuen Verbindungen und Hintergründen zu bereichern. Ganz nebenbei bekommt man so einen guten Eindruck von den katastrophalen Zuständen in den Waisenhäusern Rumäniens oder (doch das gehört im neuen rumänischen Kino fast schon zum guten Ton) vom korrupten und desolaten Gesundheitssystem. Und damit rückt der Film vor allem den Konflikt zwischen Individuum und Institution bzw. Gesellschaft in den Mittelpunkt. Wo kann der einzelne seine Freiheit behaupten? Wie viel ist er bereit davon abzugeben, um kleine Privilegien und oberflächliche Sicherheit zu genießen?

Beyond the Hills zeigt das alles anhand der vielen sozialen Prozessen, die das Eindringen von Alina in die Klostergemeinschaft auslöst. Da ist die "verbotene" Liebe der beiden Mädchen oder die angedeutet Vergewaltigung Voichitas. Auch die anderen Nonnen tragen ihre Päcken, haben ihre eigenen Traumata. Eine hatte eine Fehlgeburt, weil ihr gewalttätiger Mann sie geprügelt hat. Das sind alles Triebe und Emotionen, die unter dem strengen Regiment des Klosters brodeln und sich letztlich in einem fehlgeschlagenen Exorzismus äußern.

Dabei bedient Mungiu nie klassische Genremuster. Er sucht nie den billigen Thrill oder Horror. Alias Wutausbrüche sind Reaktionen auf ein hermetisches System der Gleichmachung und Unterdrückung (wobei, wie so oft in Exorzismus-Fällen, der Film medizinische Gründe wie Epilepsie und Depressionen nicht ausschließt). Für Alinas Ohren hören sich Voichatas Sätze über die Liebe zu Gott und die Aufopferung an eine ewig große Liebe wie Hohn an. Das Kloster ist für sie ein Gefängnis, die versprochene Erlösung eine Lüge. Besonders deutlich wird das in der Szene, in der die Nonnen Alina den Sündenkatalog der orthodoxen Kirche vorlesen. Er besteht aus 464 (!) Sünden und Alina scheint alle begangen zu haben. Wie absurd, oder? Doch reagiert Alina mit ihrer Verzweiflung und Gewalt nicht ebenso egoistisch und ignorant wie es der Priester den verkommenen Menschen aus dem Westen vorwirft? Wollen die Nonnen mit dem Exozismus nicht nur etwas "Gutes" erreichen? Die Konflikt- und Gemengelage ist so komplex, dass jede vorschnelle Vorverurteilung dazu führen muss den Film in irgendeine Schublade zu schieben, die ihm sichtlich zu klein ist.

Das aber ist seine große Qualität: er bevormundet nicht und riskiert damit für plumpen Populismus oder sonstige ideologische Interpretationen missbraucht zu werden. Glaubenskritiker werden ihn ebenso lieben und verdammen, wie Kirchenbefürworter. Das soll aber nicht Mungius Problem sein. Denn verglichen zu seinem letzten Film 4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage gibt es durchaus einige Unsicherheiten im Stil zu entdecken. Man spürt sie unter anderem auch daran, dass Mungiu uns relativ viele Hintergrundinformationen über das Verhältnis der beiden Mädchen und ihre Geschichte liefert. Im Vergleich zu den üblichen Vertretern des jungen rumänischen Kinos ist das eher ungewöhnlich. Vielleicht mag es etwas damit zu tun haben, dass das Drehbuch zum Film sehr stark an den beiden literarischen Reportagen der ehemaligen Chefin des BBC-Büros in Bukarest, Tatiana Niculescu Bran, orientiert ist. Bran hatte den Fall eines zu Tode "exorzierten" Mädchens in einem moldawischen Kloster recherchiert, der in den rumänischen Medien lange Zeit als Topmeldung gewälzt wurde.

Seine Vielschichtigkeit bleibt dennoch die große Stärke des fast drei Stunden langen Films. Und noch was: im Unterstrom hat der Nicht-Erzähler Mungiu doch noch eine tragische, weil unerfüllte, Liebesgeschichte versteckt. Sie scheint sich phasenweise sogar gegen die strenge, selbstauferlegte Ästhetik durchzusetzen. Es ist das verzweifelte Aufbäumen von Zweien, die nicht zueinander kommen dürfen und die sich dennoch in einer kalten Herbstnacht, in einem kargen Zimmer einer Hütte umarmen. Es ist der schmerzlich schönste Augenblick in einem ansonsten verzweifelt traurigen Film, der niemanden glücklich machen wird.

(Patrick Wellinski)