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12 12/02

Wenn Nazis aus dem Weltall zu heimlichen Berlinale-Superstars werden

Das Phänomen Iron Sky und die Hintergründe

Der womöglich mit den meisten Erwartungen herbeigesehnte Film der Berlinale war neben SRKs Don - The King is Back wohl am ehesten die finnische SciFi-Trash-Nazi-Satire Iron Sky von Timo Vuorensula, der im April auch in den deutschen Kinos startet. Dass hier (mit Ausnahme von Götz Otto und Udo Kier) keine "big names" oder allenfalls Nischenstars mitwirken, spielt dabei für die Beliebtheit des Films, mehr noch für den Hype, der rund um ihn entstanden ist, keine Rolle.

Das Geheimnis von Iron Sky liegt vielmehr daran, dass die Macher, die aus Finnland, aber auch Deutschland und Australien stammen, von vornherein bei der Entwicklung und Finanzierung des Filmes die (potentiellen) Fans mit einbezogen haben - und zwar sowohl auf finanzielle wie auch auf intellektuelle Art und Weise. "Crowdfunding" und "Crowdsourcing" sind die Zauberwörter, die derzeit in der Filmbranche rasant an Bedeutung gewinnen.

Begünstigt wurde das Phänomen Iron Sky vor allem durch das erste Projekt des Regisseurs Timo Vuorensula und seines Produzenten Samuli Torssonen, die Star Wars Parodie Star Wreck: In the Pirkenning (2005), die über einen Zeitraum von sieben Jahren im Blue Box Studio des Produzenten in dessen Wohnung realisiert wurde. Da der 103-minütige Film von Anfang an als Open Source Projekt angelegt war, hatte sich im Internet eine riesige Fangemeinde um die frei downloadbare Parodie gebildet, die den Film bearbeitete, neu vertonte, kurzum: kreativ mit dem Werk spielte. Zudem zeigte sich, dass diese Community mehr als heiß war auf einen neuen Film der beiden Macher. Zwei Faktoren, mit denen der Regisseur und die Produzenten extrem geschickt umgingen, indem sie diese Basis von vornherein mit ihn das neue Projekt miteinbezogen.

Neben der Finanzierung, die außer den üblichen Filmfördertöpfen auch das sich mittlerweile immer wichtigere, webbasierte Crowdfunding anzapfte, wurden aber nicht nicht die Brieftaschen der Community aktiviert, sondern auch die Gehirne.

In einem Interview im Presseheft des Filmes beschreibt der deutsche Produzent, auf welchen Ebenen man dabei operierte:

"Von Anfang an wurde die Community auch in die kreativen Entscheidungen eingebunden. Timo stellte auf der Homepage für die Handlung relevante Detailfragen: Wie konnten sich die Nazis am Ende des Zweiten Weltkriegs auf den Mond retten? Welche Maschinen haben sie dort entwickelt? Wie würden die aussehen? Wie könnte ein Ufo ausgesehen haben? Wir erhielten verblüffende Antworten. Teilweise wurden uns perfekt detaillierte Skizzen von Ufos geschickt, mit der Bitte um Verwendung. Gleichzeitig stellten wir die Produktion immer transparent da. Wir stellten Filme von den Dreharbeiten ins Netz, veranstalteten Q&A's mit den Schauspielern, der Regisseur sprach die Fans regelmäßig direkt an. Und schließlich haben wir die Community auch ans Set eingeladen, bei einer Massenszene in Frankfurt als Statisten mitzumachen. Es kamen mehrere hundert Fans. Wir spielten auf allen erdenklichen Marketing-Klaviaturen, um den Fans exklusive Informationen zuzuspielen."

Iron Sky markiert zwar keine Erneuerung des Subsubsubgenres, das er darstellt (und frecher Weise immer wieder bis äußerst bissigen Kommentaren unterläuft), dennoch ist der schräge B-Film ein Modell für die Zukunft, das einiges an den bisherigen Wegen, wie Filme gemacht, finanziert und vermarktet werden, auf den Kopf stellt. Statt sich wie bisher in feige Pre- und Sequels zu flüchten und einen Bestseller nach dem anderen zu verfilmen (und oft genug auch zu verhunzen), gibt es genug Ideen und auch finanzielle Mittel da draußen bei den Fans, um selbst solch ein gewaltiges Projekt zu stemmen und anschließend erfolgreich auf verschiedensten Kanälen zu vermarkten.

Das Phänomen Iron Sky ist vor allem durch das in der Filmbranche viel geschmähte Medium Internet entstanden; ohne die Kommunikation auf den digitalen Kanälen und in den sozialen Netzwerken wäre der Film wohl nie realisierbar gewesen. Und daraus kann und sollte man durchaus etwas lernen - und zwar auf allen Ebenen des Prozesses der Filmproduktion und -vermarktung und der PR.

Es liegt nahe, aufgrund der breiten Basis, auf der der relative Erfolg von Iron Sky jetzt schon beruht, von einer "Demokratisierung der Filmproduktion und -vermarktung" zu sprechen. Das stimmt aber nur teilweise: Denn es ist vor allem die Macht der Konsumenten, die Macht des Marktes, um die es hier geht. Statt wie bisher "top-down" Produkte, in diesem Fall Filme, im stillen Kämmerlein auszubrüten und dann von "oben" (also von den Machern) nach "unten" (also zu den Fans) durchzureichen, scheint die bislang sträflich vernachlässigte Methode "bottom-up" (also von unten nach oben) ein Modell für die Zukunft zu sein.

Das erfordert aber auch ein grundlegendes Umdenken innerhalb der Branche - und es ist ein Umdenken, das man derzeit in ähnlicher Weise in der Politik und in anderen gesellschaftlichen Bereichen beobachten kann. Transparenz, Offenheit, die Bereitschaft, auf angestammte Pfründe und Privilegien zu verzichten und Verantwortung abzugeben sowie die Fähigkeit zur permanenten Kommunikation mit der Basis sind unerlässlich, wenn man damit Erfolg haben will.

Es ist zwar mehr als unwahrscheinlich, dass sich dieser Weg der Finanzierungund Vermarktung gegenüber den bisherigen Modellen durchsetzen wird. Doch die finanzielle (und intellektuelle) Beteiligung der Fans wird weiter wachsen und sich zu einem Alternativmodell entwickeln, das auch in Zukunft für spektakuläre Filme sorgen kann.

Parallel zur Berlinale findet übrigens am 14. und 15. Februar in Berlin in der HomeBase Lounge (Köthener Straße 44, 10963 Berlin) auch das Digital Film Camp (www.digitalfilmcamp.de) statt, das sich mit genau diesen Phänomenen und Fragen rund um Crowdfunding und Crowdsourcing auseinandersetzt. Mit dem Erfolg von Iron Sky sollten den Veranstaltern ein gesteigertes Interesse sicher sein - zumal man eine besonders gelungen Fallstudie direkt nebenan bei der Berlinale im Panorama besichtigen kann.

(Joachim Kurz)

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