12 14/02

Was bleibt

Ein ganz normaler Besuch bei den Eltern am Wochenende - dies ist wohl eine Situation, die jeder kennt. In Hans-Christian Schmidts Wettbewerbsbeitrag Was bleibt entspinnt sich aus dieser ganz alltäglichen Situation die Vivisektion einer ganzen Familie, bei der die glänzende Fassade der kultivierten Bürgerlichkeit trotz aller Bemühungen, den schönen Schein aufrecht zu erhalten, längst tiefe Risse zeigt.

Marko Heidtmann (Lars Eidinger) lebt in Berlin und hat sich unlängst von Tine getrennt, mit der er einen gemeinsamen Sohn hat. Noch ahnen seine Eltern Gitte (Corinna Harfouch) und Günter (Ernst Stötzner), zu denen er gemeinsam mit Zowie (Egon Merten) übers Wochenende fährt, nichts von der gescheiterten Beziehung. In dem kleinen Ort in der Nähe von Köln, wo die Eltern leben, hat sich auch Markos jüngerer Bruder Jakob (Sebastian Zimmler) mit seiner vor kurzem eröffneten Zahnarztpraxis niedergelassen. Und mit Marko und Zowie im gleichen Zug sitzt Jakobs Freundin Ella (Picco von Groote), die noch studiert. Kaum ist Marko angekommen, erfährt er den Grund für das von den Eltern anberaumte Zusammentreffen: Günter, der in Frankfurt einen Verlag leitet, hat vor, sich aus dem Geschäft zurückzuziehen und sich endlich all seine Wünsche und Träume zu erfüllen.

Doch je mehr Zeit die Familie an diesem Wochenende miteinander verbringt, desto mehr treten all die unausgesprochenen und verheimlichten Wunden zutage, die sie sich im Laufe von vielen Jahren zugefügt haben. Gitte beispielsweise leidet seit vielen Jahren unter schweren Depressionen und hat sich nun dazu entschlossen, die Tabletten abzusetzen, um endlich ein Leben in Selbstbestimmung zu führen. Während Marko sie unterstützt, sind Günter und Jakob entsetzt und befürchten den Absturz der labilen Frau. Es kommt zum Streit in dessen Verlauf auch die anderen Lebenslügen auf den Tisch kommen. Und das bleibt nicht ohne Folgen.

"Was man liebt, das lässt man los, was zurückkommt bleibt", sagt Gitte an einer Stelle zu Marko und beschreibt damit sowohl das Thema des Films wie auch dessen Titel. Es geht um die Vergänglichkeit der Liebe und die des familiären Glücks, um Selbstbetrug und den Punkt im Leben, an dem sich die Fassade nicht mehr länger aufrechterhalten lässt. Dass dieser Punkt für all die Personen in Hans-Christian Schmidts Film an diesem einen Wochenende erreicht ist, ist zwar nicht sehr wahrscheinlich, doch so beiläufig und gekonnt, wie er und sein Drehbuchautor Bernd Lange diese Verdichtung vornehmen, ist dies eine Fiktion, eine Konstruktion, die sich niemals wie eine anfühlt bzw. eine, die man in Momenten des Zweifels gerne glaubt - nicht weil es schön wäre, was man hier zu sehen bekommt, sondern sich alles an diesem Film richtig und wahr anfühlt.

Das unsichtbare Zentrum des Films und ein wahrhaft magischer Moment befindet sich ungefähr in der Mitte des Films und erinnert ein wenig an einen ähnlichen Moment in Paul Thomas Andersons Magnolia. Am Morgen der Feier zu Günters Ausstieg aus dem Verlag klimpert Marko mit Zowie auf dem Klavier herum und spielt eine kleine Melodie, als seine Mutter den Raum betritt. Die zögert, erkennt die Melodie und singt voller Inbrunst "Du lässt dich gehen" von Charles Aznavour. Dann kommt Günter dazu und übernimmt eine Strophe und man spürt, dass jeder von ihnen die Worte der gegenseitigen Enttäuschung vom jeweils anderen bei aller Heiterkeit verdammt ernst meint.

"Wovon man nicht reden kann, darüber soll man schweigen", so lautet der berühmte letzte Satz von Ludwig Wittgensteins berühmtem Tractatus logico-philosophicus. In dieser Szene kommt zu der finalen Wahrheit des unbarmherzigen Sprachanalytikers noch eine weitere Wahrheit hinzu: "Worüber man nicht länger schweigen kann, darüber soll man singen." Denn es gibt Wahrheiten, die lassen sich manchmal einfach nicht mehr länger ertragen.

Aufgrund der ähnlichen Grundkonstellation drängt es sich förmlich auf, Schmidts Film mit Billy Bob Thorntons Jayne Mansfield's Car zu vergleichen. Und selbst wenn der US-amerikanische Film mit seiner Kauzigkeit der größere Crowd-Pleaser sein dürfte, merkt man gerade in der Gegenüberstellung der beiden Familiendramen die enormen Qualitäten des Drehbuchs und der Inszenierung. Wo Thornton oftmals überplakativ und bemüht nach einer Balance zwischen Humor und Ernsthaftigkeit sucht und seine Figuren mehr als nur einmal als reine Funktionsträger in einer dramaturgischen Gleichung einsetzt, die nicht aufgeht, sitzen bei Bernd Lange (Script) und Hans-Christian Schmid jedes Wort, jede Geste, jedes Detail - und vor allem endlich mal die Musik. Denn die stammt von The Notwist und ist reinstes Balsam für geschundene und von übler Klangsoße malträtierte Ohren - aber das ist dann auch nur noch das Sahnehäubchen.

(Joachim Kurz)

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