The Woman in the Septic Tank
13. Februar 2012
Die Szenerie zeigt städtische Armut und vermittelt die elenden Lebensbedingungen der Einwohner. Heruntergekommene Hütten, Müllberge. Die von den Aufnahmen der unsteten Handkamera begleitete Beschreibung der Slums von Manila steht zu Beginn von Marlon Rivieras filmischem Diskurs. Und sie steht in Anführungszeichen. Es ist die Regieanweisungen des ehrgeizigen Filmstudenten Rainier (Kean Cipriano), der mit seinem Kameraden und Produzenten Bingbong (JM de Guzman) nach Filmruhm strebt. Erreichen wollen sie ihn mit einem als kritisches Drama getarnten Elendsporno, der die Zuschauererwartungen von Hunger, Verzweiflung und Kinderprostitution erfüllt. "Die Festivalprogramme wollen es nicht anders", weiß Rainier, der für die Hauptrolle der verzweifelten Mutter Mila Filmstar Eugene Domingo casten will. Doch nicht nur sie hat ihre eigene Vorstellung von dem Projekt, das mal als Doku-Fiction, mal als Musical und Melodram vor den Augen von Protagonisten und Kinozuschauern ersteht. "Kontrovers" wollen es die aalglatten Filmemacher, denn was "die Grenze zwischen Realität und Fiktion verwischt, macht es cooler!"

Rivieras Film ist bei weitem nicht so raffiniert, wie er es sich zu sein brüstet, denn sein Erfolg basiert auf den gleichen dramaturgischen Mechanismen, die er zu hinterfragen vorgibt, ohne dies jemals zu tun. Authentizität existiert in seinem Werk nur in der Form, wie Rainier sie plant: als moralische Prätention, die so gekonnt inszeniert ist, dass sie vom Publikum als Wahrhaftigkeit aufgefasst wird. Künstlerisch stehen filmisches und innerfilmisches Schaffen auf niveaugleicher Stufe: der untersten. Sie befindet sich noch ein Level tiefer als die kalkulierten Kommerz-Produktionen, die Riviera mit rudimentären kameratechnischen Spielchen vorzuführen behauptet. Verblendet vom Gefühl hyperreferenzieller Erhabenheit ist er unfähig sich als unfreiwillige Selbstpersiflage zu erkennen. The Woman in the Septic Tank ähnelt einem verkleideten Kind, das die fadenscheinige Kostümierung seines Gegenübers verspottet, ohne zu begreifen, dass es das eigene Spiegelbild ist.
Dass Drehbuchautor Chris Martinez ausgerechnet auf die Independent-Szene, in der sein eigenes Werk wurzelt, abzielt, dient augenscheinlich zur Rechtfertigung des eigenen, neu etablierten Mainstream-Status. Denn was, wenn nicht Mainstream, sind ein preisgekrönter Erfolgsautor und ein Regisseur, deren Film auf diversen Festivals lief, zum von Kritikern verhätschelten Aushängeschild und Oscar-Kandidaten wurde, vom Verleih ungewöhnlich günstige Startbedingungen erhielt und die höchsten Einspielergebnisse in der Geschichte des philippinischen Kinos erzielte? Etwas wie echtes Independent-Kino kann es nach der Handlungsprämisse nicht geben und betrachtet man sein eigenen Status, scheint dies zuzutreffen. So ist es zugleich logisch und von absurder Ironie, dass sich mit Mercedes Cabral, Cherry Pie Picache und allen voran Eugene Domingo gleich ein Trio philippinischer Schauspielstars auf das Projekt stürzte.
Wie sagt Domingo doch gleich in ihrer Doppelrolle? "Euch Indie-Tyen mag ich am liebsten!" Noch besser, als ambitionierte Low-Budget-Produktionen zu verhöhnen, ist dabei quasi spielerisch die eigene Distanz zum Star-Gestus zu unterstreichen und sich deren beneidenswertes gesellschaftskritisches Prestige anzueignen. Das Resultat ist die Faux-Parodie eines Faux-Auteurs, für dessen mangelnde Kreativität bei Kameraführung und Konzeption der Handlungsmodus wie ein Sicherheitsnetz fungiert. Fatalerweise sind die qualitativen Mängel teils so schwerwiegend, dass sie selbst darin Lücken reißen. So sind die ersten Zeilen der Musical-Songs amüsant, verlieren aber ihren Witz durch die übermäßige Wiederholung, die nahelegt, dass Martinez wohl schlicht nicht mehr als eine Strophe einfiel. Und die einzige Funktion von Assistentin Jocelyn (Cai Cortez) besteht darin, die Alternativdrehversionen zu fantasieren.
Die Filmschul-Absolventen sind beide ähnlich undifferenzierte Variationen eines Stereotyps, deren aufgesetzte Dialoge lediglich die effektiven Stichworte von "Armut", "Elend" und "Sozialkritik" bis zu den Namen bedeutender Filmpreise und -festivals von sich geben. Unter letzten fehlt nicht die Berlinale, wo man den zwiespältigen Spaß mit dem Eindruck verlässt, den er wecken will: zu viel verlogene Gesellschaftskritik im Kino gesehen zu haben. Zuletzt vor wenigen Minuten.
(Lida Bach)









