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11 19/02

The Forgiveness of Blood

Es ist eine Kleinigkeit, an der sich der Streit entzündet. Doch was in anderen Ländern als kleiner Wortwechsel und normale Gehässigkeit unter Nachbarn verbucht und allenfalls einmal vor Gericht landen würde (von Schlimmerem liest man nur in Ausnahmefällen), gerät in Albanien aufgrund der komplizierten Thematik der Blutrache schnell zu einem Martyrium. Und es sind, wie so häufig, nicht nur die unmittelbar Betroffenen, die darunter zu leiden haben, sondern vor allem deren Angehörige und Kinder. So auch in The Forgiveness of Blood, der den offiziellen Wettbewerb der 61. Berlinale beendete und - sagen wir es gleich - zu einem der besseren Filme eines verheerenden Jahrgangs gehörte.

Es ist ein Gewohnheitsrecht, dass die Familie des 17-jährigen NIk (Tristan Halilaj) seit vielen Generationen den Feldweg des Nachbarn benutzt, um den Weg in das nächstgelegene Dorf abzukürzen. Doch dann fallen in der Dorfkneipe hässliche Worte und gegenseitige Schmähungen und der Nachbar versperrt den Weg für die Durchfahrt plötzlich. Als Niks Vater (Refet Abazi) und sein Onkel die Angelegenheit regeln wollen, kommt es zu Handgreiflichkeiten, in deren Verlauf der Nachbar erstochen wird. Wer da zugestochen hat, lässt sich zwar nicht mehr genau nachvollziehen, doch aus Angst vor der Blutrache taucht Niks Vater unter, während sein Onkel verhaftet wird. Für die Familie des Jungen beginnt nun eine Leidenszeit, denn plötzlich befinden sie sich in nahezu völliger Isolation. Nik, der besonders gefährdet wäre, darf das Haus nicht mehr verlassen, um zur Schule zu gehen, hinzu kommt die Sorge um den Vater und die Angst vor der Blutrache, die wie eine dunkle Wolke über der Familie schwebt. Der beinahe einzige Kontakt zur Außenwelt besteht in den täglichen Kutschfahrten von Niks Schwester Rudina (Sindi Laçej) ins Dorf, wo sie mit dem Verkauf von Brot den Ausfall des Ernährers zu kompensieren versucht - sie ist als junges Mädchen nach den schwer durchschaubaren Gesetzen der Blutrache weniger gefährdet als ihr Bruder.

Es beginnen schwierige und zähe Verhandlungen, die nach dem Kanun, dem albanischen und lange Zeit allein mündlich tradierten Gewohnheitsrecht geführt werden, das auch die verzwickten Fragen der Ehre regelt. Für Nik, der wie ein ganz normaler Teenager einfach nur leben will, wird das Leben unter der Glasglocke zunehmend unerträglich, denn er hat gerade erste zarte Bande zu einem Mädchen aufgenommen. Und so macht er sich auf, um die Angelegenheit selbst in die Hand zu nehmen. Am Ende stehen er und seine Familie vor einer schweren Entscheidung.

Wieder einmal geht es bei Joshua Marston um Teenager, die durch die konkreten Umstände ihrer Umgebung in ein Verhaltenskorsett gezwungen werden, das ihnen nicht entspricht. Das war bei seinem Film Maria voll der Gnade bereits so und ist bei The Forgiveness of Blood nicht anders. Dadurch nimmt sein Film eine Perspektive ein, die man bislang in all den Rachedramen viel zu selten gesehen hat - hier geht es nicht um die unmittelbar Betroffenen, sondern um deren Umfeld. Und genau das macht The Forgiveness of Blood umso eindringlicher und wichtiger. Am Ende könnte man - ließe man die Umstände von Niks Kampf um seine Freiheit - außer Acht - den Film beinahe als ganz normales Coming-of-age-Drama lesen, an dessen Ende ein Abschied vom Elternhaus und damit von den Fesseln der nordalbanischen Gesellschaft steht, in deren strenger Archaik Kinder die eigentlichen Verlierer sind.

Besonders augenfällig wird die Absurdität der Blutrache vor allem durch die Tatsache, das Nik und seine Mitschüler allesamt wie selbstverständlich mit Mobiltelefonen und Spielekonsolen umgehen und der Junge davon träumt, später einmal ein Internet-Café zu eröffnen. Das Nebeneinander von moderner Welt und uralten Tradition, es wird in The Forgiveness of Blood auf dezente Weise, aber dennoch eindrücklich vor Augen geführt. Und wenn man sich umschaut in der Welt, muss man erkennen, dass es diesen Widerspruch nicht nur in Albanien gibt, sondern wir darauf in vielen Ländern stoßen. Die Spannungen zwischen Tradition und Moderne begleiten uns auch noch im 21. Jahrhundert, ein Ende ist nicht abzusehen.

(Joachim Kurz)