12 14/02

The Flowers of War

Das Massaker von Nanking und die Berlinale - da war doch was? Richtig, vor zwei Jahren war hier an gleicher Stelle Florian Gallenbergers John Rabe zu sehen, der die Rolle eines wackeren Deutschen während der Einnahme der damaligen Hauptstadt Chinas durch japanische Truppen im Jahre 1937 beleuchtete. Nun folgt mit Zhang Yimous The Flowers of War die nächste Bearbeitung des Massakers, wobei es außer der Parallelität von Ort und Zeit kaum Berührungspunkte zwischen Gallenberger und Yimou (Rote Laterne, Shanghai Serenade) gibt. Und das spricht in diesem Falle wahrlich nicht für den Chinesen, der mit diesem Film ernsthaft Gefahr läuft, seine gute Reputation zu verspielen.

Als die Japaner in Nanking einfallen, gibt es keinen Ort mehr, an dem die Menschen vor den mordlustigen und lüsternen japanischen Truppen sicher sind - außer einen Konvent im christlichen Glauben erzogener Mädchen, denen allerdings Priester und Koch und damit jeglicher männlicher Schutz abhanden gekommen ist. Der stellt sich nun in dem Moment größer Not ausgerechnet in Gestalt des amerikanischer Herumtreibers und Leichenbestatters John Miller (Christian Bale) ein, der ebenfalls in dem mit einem gigantischen roten Kreuz gekennzeichneten Konvent eine vorläufige Zuflucht vor den Gräueln des Krieges findet. Anfangs vor allem von der Gier nach Geld und der Sehnsucht nach einem weichen Bett getrieben, muss Miller aber bald schon all seine eher schmierigen Talente zum Schutz seiner "Zöglinge" aufbringen. Und schon kurz darauf vermehrt sich die Zahl seiner Schäflein auf wunderbare Weise, denn nun sind es plötzlich leichte Mädchen, die Einlass in seine kleine Insel des Friedens begehren. Mit den Prostituierten kommt es aber alsbald zu einigen Verwicklungen, denn der Lebensstil der Internatsschülerinnen und der der Lebedamen passen ganz und gar nicht zusammen. Weil aber der grausame Krieg auf Dauer auch vor den Toren der Schule nicht hal tmacht, müssen sich dessen Bewohner - und zwar sowohl die regulären wie auch die vorübergehenden - dringend etwas einfallen lassen, um die japanischen Truppen von ihren ziemlich niedrigen Begierden abzuhalten.

Machen wir es kurz und schmerzlos: Trotz seiner visuellen Opulenz und seiner zumindest anfangs durchaus mitreißenden Kampfszenen ist The Flowers of War, der als teuerster bislang in China produzierter Film einiges an Erwartungen geweckt (und aufgrund miserabler Special Effects sofort wieder zunichte gemacht) hat, eine echte Enttäuschung, die zwar durchaus ihre Momente hat, die aber andererseits in einem Meer von Pathos, Gutherzigkeit, Opferbereitschaft und meterdick aufgetragener Klischees förmlich ertränkt werden. Manche Szenen, vor allem gegen Ende reizen viel eher zum Lachen, obwohl sie doch schrecklich ernst und tief und tragisch gemeint sind, weil sie den schmalen Grat zwischen Empathie und hohlem Pomp mehr als nur einmal überschreiten und die Figuren zu Stereotypen und plattesten Klischees (inklusiven exzessivem religiösem Kitsch) verkommen lassen. Und auch Christian Bale hat sich mit dieser Rolle nicht gerade einen Gefallen getan. Seine Darstellung des Lebemannes, der sich unter der Last der Geschichte zum Helden mausert, ist an vielen Stellen so jenseits jeden Maßes, dass man dies wohl als dicken Regiefehler verbuchen muss. Es ist nicht der einzige.

Wobei die endlose List der Unstimmigkeiten sich keineswegs nur auf den Verantwortungsbereich der Regie beschränken. Bereits die Geschichte strotzt nur so von Unglaubwürdigkeiten und Wendungen, die so überkonstruiert sind, dass es dem Film sehr schnell an jeglicher Glaubwürdigkeit mangelt: Warum beispielsweise machen sich zwei Frauen mitten in den Wirren der Belagerung und der mehr als deutlichen Gräuel seitens der japanischen Truppen auf den Weg durch die Stadt, um albernen Talmi wie ein Paar Ohrringe und Ersatzsaiten für die Pipa (ein chinesisches Instrument) zu besorgen. Dies ist nur ein Beispiel für eine ganze Reihe von Wendungen, die entweder jeder Logik entbehren, die auf dümmliche Weise pathetisch sind oder die schlichtweg jedes Augenmaß vermissen lassen.

Am Ende diese Films ergibt man sich als Zuschauer beinahe schon schicksalsergeben in die vielfachen Zumutungen, die sich Zhang Yimou hier leistet, und hofft inständig, dass einer der früher begnadetsten Regisseure Chinas bald wieder zu seiner alten Form zurückfinden möge. The Flowers of War jedenfalls stellt einen Tiefpunkt in Zhang Yimous bisheriger Karriere dar. Und bei allem (berechtigten) Ärger über diesen Film - das tut dann doch verdammt weh.

(Joachim Kurz)

Fotos (C) New Pictures Film

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