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The Advocate for Fagdom

John Waters dachte früher immer, dass dies sein richtiger Name wäre. Dass im ländlichen Kanada eine Mrs. LaBruce die kuriose Eingebung gehabt habe, den Vornamen ihres Kindes aus dem Nachnamen abzuleiten. Gus van Sant dachte früher immer, das sei Kurt Cobains Lieblingsregisseur gewesen. Ob das zutrifft? Wer weiß, aber irgendwo hatte er es gehört und konnte sich nie ganz von dem Gedanken lösen. Ein anderer der Protagonisten findet, er sollte eigentlich dort ganz oben sein: auf der Bühne des Kodak-Theaters, wo die Oscars verliehen werden. Gus van Sants Filme wurden preisgekrönt, die von Warhol genießen Kunststatus - nur ihn habe man vergessen. Die drei Interviewpartner, die Angelique Bosio neben zahlreichen anderen interessanten Stimmen befragte, sprechen alle von der selben umstrittenen Persönlichkeit: von Bruce LaBruce, dem Advocate for Fagdom.

So nennt die französische Regisseurin Angelique Bosio den Provokateur des Porno, den sein Werk zur Kultfigur machte, in ihrer unterhaltsamen Reportage. Auf der Berlinale laden der Underground-Star und Bosios filmische Hommage an ihn ein zu Intim-Aufnahmen der besonderen Art. Insider-Gespräche, Kommentare prominenter Kollegen und garantiert nicht jugendfreie Ausschnitte aus den Filmen des Advocate for Fagdom vermengt die Reportage zu einem vergnüglichen Potpourri (angeblicher) Perversionen. In Wahrheit ist Bruce LaBruce nicht das Kind einer ominösen Mrs. LaBruce, sondern der Sprößling konservativer Kanadier, die gerne ins Kino gingen. Bevor er über irgendetwas anderes spricht, erklärt LaBruce seinen Namen. Ausgesucht hat er ihn sich selbst, auch über die Underground-Szene hinaus bekannt gemacht haben ihn seine Filme. Ihr künstlerischer Wert ist umstritten. Doch ihre Verknüpfung von sexuellen, politischen und ideologischen Tabus mit bizarrem Humor lässt sie über das rein Pornografische hinauswachsen.

John Waters, Gus van Sant und der Autor Bruce Benderson finden schillernde Umschreibungen für LaBruce filmisches Schaffen - Porno, Arthouse, Trash, sozialkritisches Experiment, politisches Statement, Exhibitionismus bezüglich der eigenen Perversion - doch wirklich erklären können sie es nicht. Vielleicht würde das nicht einmal LaBruce selbst gelingen, wenn er es denn wollte. Manchmal sind seine Filme so verworren und abgedreht, dass nicht einmal er sie versteht, gesteht er. Jeder Definitionsversuch seines Werks endet zwangsläufig beim Advocate of Fagdom selbst. "Bruces' movies feel like Bruce's personality." Der bürgerliche Name des enfant terribile des Porno fällt nie. So freizügig der Filmemacher auch mit körperlichen Enthüllungen sein mag, so bedeckt gibt er sich im Bezug auf den Menschen hinter dem Pseudonym. Die Kunstperson hat alles andere verdrängt - Bruce LaBruce über alles. Die verbotenen Strophen der deutschen Nationalhymne zitierte der Regisseur in seinem mit nationalsozialistischen Emblemen spielenden Porno Raspberry Reich. Hustler White heißt der wohl bekannteste Film von LaBruce, The Raspberry Reich und Otto - Up With Dead People liefen sogar hier regulär im Kino. Eine Gegenbewegung zur normalen Schwulen-Kultur, wie sie ein Protagonist nennt, waren LaBruce Filme vielleicht einmal. Heute sind sie, so scheint es, verdächtig nah am Mainstream angelangt.

Das gleiche Schicksal ereilte auch die Kunst von John Waters, Gus van Sant und Kurt Cobain. "Underground", "Counter-..." oder "Independent" zu sein, war immer schwer. Selbst pervers sein ist heutzutage nicht mehr so einfach. Heutzutage sei jede Sexualität auf irgendeine Art pervers, beschreibt es ein Protagonist. Eine bestimmte Sexualität als normal zu definieren ist absurd. Oder in den Worten des Schauspielers Justin Joergensen: "Everybody has a little porn in them."

(Lida Bach)

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