12 15/02

Tabu

Am Anfang erzählt er vom Ende, vom Lebensende einer alten Frau. Aurora lebt in Lissabon und wird nur noch von ihrer Haushälterin gepflegt. Manchmal bekommt Aurora noch Besuch von ihrer frommen und bescheidenen Nachbarin Pilar. Die eigene Tochter lässt sich nie blicken. Doch das stört die resolute und nervige Dame nicht, denn sie ist schon längst in ihrer eigenen Welt gefangen, die Ereignisse aus Vergangenheit, Gegenwart, Kino und Literatur vermischt. Ein paar Tage nach Neujahr liegt sie auch schon im Sterben und diktiert Pilar den Namen eines Mannes, den diese ausfindig machen soll.

Dann beginnt in Tabu, dem dritten Spielfilm des portugiesischen Regisseurs Miguel Gomes, eine völlig andere Geschichte: Ein spannender Abenteuerfilm und eine tragische Liebesgeschichte, die am Fuß des afrikanischen Mount Tabu spielt. Es ist der Schauplatz einer Tragödie, die von einer verbotenen Liebe unter kolonialen Besatzern handelt. Es ist auch der Moment, den der bis dahin wunderschöne Schwarzweiß-Film nutzt, um zum Stummfilm zu werden. Nur eine tiefe, melancholische Männerstimme spricht gelegentlich einige Passagen, die das Gesehene einordnen und das Leben der jungen Aurora nacherzählen.

Miguel Gomes begann seine Karriere als Filmkritiker. Der 1971 geborene Regisseur hat bisher drei Spielfilme und eine Hand voll Kurzfilme gedreht. Doch bereits dieses übersichtliche Werk schlug in der cinephilen Welt ein, wie zuletzt die Filme eines Apichatpong Weerasathekul. Die Folge waren Retrospektiven und Tribut-Reihen des schmalen Œuvres auf Filmfestivals und in Filmmuseen rund um den Globus.

Das besondere seiner Handschrift als Filmemacher ist die Tendenz zur Brechung und Verschiebung, die bekannte Erzählmuster sprengen. So ist die klassische Handlung eines Films für Gomes nur ein Spielplatz, den er sich selbst aus den Versatzstücken der Filmgeschichte und allen Stilmitteln der Kinokunst zusammenbastelt. Seine Filme wechseln unverfroren Rhythmus, Tonlage und Genre. Leichthändig und humorvoll zerpflückt er Kinokonventionen und reichert seine Filme gerne mit einem wilden Genremix aus Musical, Melodram, Dokumentarfilm, Abenteuerfilm und der Komödie an. Das Kino und seine Sprache sind für ihn reines Material, mit dem er auf der Leinwand sehnsuchtsvolle, traumwandlerische Bilder erschafft.

In Tabu würfelt der portugiesische Regisseur herrlich exzentrisch verschiedenste Kinomittel durcheinander: Schwarzweiß-Aufnahmen, Off-Kommentar, achronologische Narration, Personen- und Perspektivwechsel, source music, Kamerafahrten und noch viel mehr. Er schöpft zudem reichlich aus dem Vorrat der Filmgeschichte. So gibt in der Geschichte der traurigen Aurora bezaubernde Verweise auf Vincente Minnelli und elegante Bezüge zu Murnau und Solondz.

Tabu ist zugegebenermaßen ein recht eigenwilliges Werk, eine Erfahrung und eine großartige Kinospielerei. Jean-Luc Godards Bonmot über eine ideale Kinoerzählung kommt einem in den Sinn: "Eine Geschichte braucht einen Anfang, eine Mitte und ein Ende. Aber nicht unbedingt in dieser Reihenfolge." Doch der Film, der seine Weltpremiere im Wettbewerb der Berlinale feierte, ist mitnichten ein rein intellektueller Spaß. Kein Film nur für Eingeweihte. Er ist auch berührend und traurig. Eine unsentimentale Bildstrecke einer unerfüllten Liebe, der melancholische Abschiedsbrief einer verstorbenen Frau und ein Abenteuermärchen, das langsam in einen wunderschönen Traum abgleitet. Das Geflecht aus Realität und Fiktion webt der Film jedenfalls so elegant und dicht, dass sich in ihm auch stets Spuren des Lebens verfangen.

Wir sehen hier einen Kinofilm, wie er selten geworden ist. Er gleicht einer fremden Melodie, die uns irgendwie doch bekannt vorkommt. Er ist undankbar, das stimmt schon, weil er nicht auf jeden zukommt. Man muss sich auf ihn einlassen. Doch wer sich traut, sich mit der Kinosprache identifiziert und vom Kino mehr erwartet, der wird in Tabu etwas Besonderes (wieder)finden, etwas, das öffnet und befreit.

(Patrick Wellinski)

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