11 18/02

Stuttgart 21 – Denk mal!

Frisch aus dem Schneideraum direkt zur Berlinale: Die Dokumentation über den Bürgerprotest gegen das Projekt Stuttgart 21 - Denk mal! ist ein Film, der allein schon durch die Aktualität seines Themas Interesse weckt. Aber auch unabhängig von der schnellen Fertigstellung ist hier zwei jungen Filmstudenten eine mitreißende Arbeit gelungen, die von der Begeisterung für eine neue soziale Bewegung lebt.

Man muss die Entstehungsbedingungen von Stuttgart 21 - Denk mal! berücksichtigen, um die Leistung der Regisseure Lisa Sperling und Florian Kläger (Jahrgang 1986 und 1987) sowie des erfahrenen Produzenten Peter Rommel (Jahrgang 1956) zu würdigen. Als sich nämlich Anfang 2010 die beiden jungen Leute dem Protest anschlossen und irgendwann auch eine Kamera zu den Kundgebungen mitnahmen, taten sie es lediglich zu privaten Zwecken. Erst später entstand die Idee, aus diesem Material sowie mit TV-Ausschnitten und Aufnahmen des Internetprojekts "fluegel.tv" einen abendfüllenden Dokumentarfilm zu basteln. Herausgekommen ist eine dramaturgisch kluge und trotz des Zeitdrucks spannend montierte Chronologie der Ereignisse von Januar 2010 bis zu den Reaktionen auf den Schlichterspruch von Heiner Geißler Anfang Dezember 2010.

Natürlich erfährt ein interessierter Zeitungsleser nichts wesentlich Neues über die Protestbewegung und ihre wichtigsten Station. Aber es ist trotzdem etwas völlig anderes, mit Augen und Ohren dabei zu sein, die Demonstrationen und die Menschen vor Ort hautnah zu erleben. Denn gerade dieses Faszinosum haben die Filmemacher in den Mittelpunkt gestellt: Dass sich hier ganz unterschiedliche Menschen zusammenfinden, weit über den Kreis der "üblichen Verdächtigen" hinaus. Dass Leute auf die Straße gehen, die das von sich selber wohl bis vor kurzem nicht geglaubt hätten, viele Ältere, aber auch ganz Junge, ehemalige Bankdirektoren und Leute aus Chefetagen ebenso wie Musiker, Schauspieler oder Dramaturgen. Kurz: Bürger aus allen Gesellschaftsschichten der Stadt.

Diejenigen, die in Interviews zu Wort kommen, beschäftigen sich nicht mit Detailfragen oder Gutachten. Sie bringen vor allem das tief sitzende Gefühl zum Ausdruck, von den Entscheidungsträgern der Politik nicht ernst genommen zu werden. Diesen Eindruck teilen sie mit den Filmemachern, die sich ebenfalls nicht mit bahnlogistischen Haarspaltereien aufhalten. Und die auch nicht den Anspruch durchblicken lassen, distanziert und unvoreingenommen zu berichten. Sondern die eine Stimmung einfangen und eine Erinnerung festhalten wollen.

So entsteht ein Kino, das sich in der Tradition des Cinema verité mitten ins Geschehen mischt und dabei größere Spannung erzeugt als ein Krimi, obwohl das Geschehen noch frisch im Gedächtnis ist. Wenn an dem Tag des verhängnisvollen Polizeieinsatzes die Wasserwerfer anrücken, braucht es gar keine Schnitte und emotionalisierenden Tricks, um den Zuschauer zu elektrisieren. Da kann sich die Kamera ganz auf die Dramatik des Geschehens verlassen und minutenlang in derselben Position verharren. Sie braucht einfach nur dabei zusein, um die volle Wucht der Gewalt einzufangen. Ein Erlebnis, das eigentlich auch die Befürworter des Projekts ins Grübeln bringen müsste.

(Peter Gutting)

Fotos © Lisa Sperling / Aksel Özdemir

Bisherige Kommentare

(Anzeige: 2 von insgesamt 2)
Von: Fan am: 19.02.11
Der Produzent Peter Rommel hat bei der Podiumsdikusssion auf der Berlinale erklärt, dass der Film unabhängig vom Kinostart (3. März 2011) sehr bald online zur Verfügung gestellt wird, damit er noch VOR den Wahlen überall gezeigt werden kann.
Von: Mike am: 18.02.11
Die Stuttgarter Premiere findet am 27.2 im Theaterhaus um 11.30 Uhr statt. Der Eintritt kostet 9 Euro. Grüsse, Mike

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