13 12/02

Shopping

Jugendgeschichten, aus der Perspektive der Älteren gefilmt und wahrgenommen, haben fast immer diesen Unterton der Transition, des Übergangs - was man Coming-of-Age-Filme nennt: Jede Jugendgeschichte ist aus diesem Blickwinkel eine vom Erwachsenwerden, als mache jede Lektion aus dem Mädchen eine Frau, aus dem Jungen einen Mann. Als wäre mit jedem Lernschritt schon etwas abgeschlossen und würde nicht erst dadurch ein neuer Abgrund an Fragen aufgerissen, doppelt so groß wie zuvor. "Coming of Age" ist womöglich nur ein Effekt davon, dass wir Erwachsensein als stabil und konstant imaginieren.

Willie (Kevin Paulo) ist irgendwo in diesem Übergang zum Erwachsensein. Der Sohn einer samoanischen Mutter und eines weißen Vaters (Maureen Fepuleai und Alistair Browning) lebt in den 1980er Jahren in einem Dorf im Norden Neuseelands, jobt in einem Supermarkt und kümmert sich sonst viel um seinen kleinen Bruder Solomon (Julian Dennison); von seinen Eltern erfährt er wenig Bestätigung, sein Vater schlägt auch schon mal zu. Stattdessen findet Willie Aufnahme in die Gruppe um den Kleinganoven Bennie (Jacek Koman), aber vor allem hat es ihm dessen Tochter Nicky (Laura Peterson) angetan.

Die zärtlichsten Momente in Shopping von Louis Sutherland und Mark Albiston sind die verspielten Augenblicke, in denen Willie sich ganz auf Solomons Phantasiewelten und Kinderspiele einlässt: da sind Intimität, Zärtlichkeit, Zuneigung und Vertrautheit zwischen den Brüdern, die allen anderen Beziehungen in der Geschichte fehlen, und es ist leicht, schon vorab die Brüche zu sehen, die entstehen werden, wenn Willie sich von dieser kindlichen Unschuld abwendet.

Bei all seinen Schwächen - Shopping ist über weite Strecken träge, fast behäbig - gelingt es dem Film sehr gut, die Umstände herauszuarbeiten, unter denen diese Brüche entstehen müssen: Nämlich als Konfrontation von Willie mit einer alles andere als unschuldigen Welt, in der die Beziehungen zwischen den Menschen, bei allem Gerede von Gemeinschaft und Zusammenhalt, nicht auf Vertrauen und Zuneigung basieren, sondern vor allem über Gewalt definiert und ausgetragen werden. Seine Erfahrungen mit Bennie spiegeln damit schließlich, auf veränderte Weise, die Kindheit mit seinem Vater Terry, gegen den er sich auflehnt.

Aus der Coming-of-Age-Story wird so vor allem eine allerdings ungleichmäßige, zuweilen ungelenke Erzählung von Machtverhältnissen und Machtausübung, und die Kamera bleibt oft sehr dicht an Paulos Gesicht, um Willies Reaktionen einzufangen: Was mit ihm geschieht, im Angesicht der Welt und beim Versuch, darin einen Weg zu finden. Shopping spiegelt das auch immer in den äußeren Verhältnissen: Er beginnt mit Nachrichtenbildern, die den latenten Rassismus seiner Zeit thematisieren, Willies Arbeitsplatz ist ein Ort großer Traurigkeit und Trostlosigkeit, in Farben, Raumaufteilung und Geschmack - und schließlich ist Willie auf einer Party, auf der alle laut und lautstark sind und weiß: In keinem Moment des Films ist seine Einsamkeit so groß und wird so verständlich, warum ihm Bennies Zuspruch so wichtig wird.

(Rochus Wolff)

Fotos © Gareth Moon und Joseph Kelly

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