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12 16/02

Rentaneko

Mit einem einigermaßen selektiven Blick sieht man als Liebhaber feliner Körperformen auch auf der diesjährigen Berlinale und in den Kinos immerfort und immer wieder Katzen; und mindestens zwei Filme fallen auf, in denen "Crazy Cat Ladies" - verrückte, oder zumindest seltsame, Frauen mit Katzen - eine zentrale Rolle spielen, und sie könnten gegensätzlicher nicht sein. Denn obgleich in beiden die Katzen für die Protagonistinnen ein Ersatz für menschliche Gesellschaft sind, so wird daraus in Francine eine Meditation über die Isolation, in die wir alle nur allzu schnell geraten können - in Rentaneko hingegen eine Feier der seltsamen Eigenheiten, die uns Menschen erst (so richtig) liebenswert machen.

Sayoko vermietet Katzen. Mit Bollerwagen und Megafon geht sie am Flußufer entlang, "Rentaneko - neko, neko" rufend: "Mieten Sie eine Katze - Katze, Katze!" Sie macht das ein bisschen wohl, weil die Katzen ihr eh zulaufen, während es ihr nicht gelingt, enge Beziehungen zu anderen Menschen aufzubauen. Das liege daran, sagt ihre seltsame, meist bösartige Nachbarin, dass sie in einem früheren Leben eine Heuschrecke gewesen sei.

Rentaneko schwankt immerzu zwischen leise traurigen Menschenschicksalen, absurden Einwürfen von Nebenfiguren und schlichtweg erfundenen Geschichten, die man einander erzählt. Dabei zersetzt sich immer wieder der feine Schleier zwischen einer realistischen Darstellung, die der Film auch gelegentlich übt, und fantastischem Wunschdenken - was wahr ist, spielt damit auch keine wirkliche Rolle mehr.

Hauptdarstellerin Mikako Ichikawa trägt dieses ganze Unterfangen vor allem durch ihre Mimik, die manchmal abweisend ist; aber fast immer blickt ihre Sayoko kindlich-naiv und erstaunt in die seltsame Welt hinaus. Drei Menschen erlebt man, die ihre Katzen mieten wollen: eine alte Frau, deren eigene Katze vor kurzem verstorben ist und die kein Tier aufnehmen will, um das sich dann anschließend niemand mehr kümmern möchte; einen Mann, von seiner Familie entfremdet, der jemanden sucht, der den Geruch von Alter, den er abgebe, nicht mehr stört. Und schließlich die Angestellte einer Autovermietung, die alle Welt, und auch sich selbst, in Gruppen und Klassen einteilt.

Ihnen allen, so Sayoko, sollen die Katzen helfen, dass große Loch in sich selbst, die Einsamkeit, zu füllen, und natürlich geschieht das auf sehr unterschiedliche Weise, wenn überhaupt - aber das lässt schon die leicht skurrile Anlage der Figuren lässt, dass man es hier womöglich mit einer japanischen Antwort auf Die fabelhafte Welt der Amélie zu tun hat - charmant genug ist Rentaneko allemal, aber seine Hauptfigur ist dann doch etwas mehr Egomanin, mehr Pippi Langstrumpf als Amélie Poulain, die sich selbst als Börsenhändlerin oder wahlweise Wahrsagerin beschreibt, wenn man sie nach ihrem erfolgreichen Zweitberuf fragt, und dann aber wieder kalte Nudeln in wassergefüllten Bambusrohren durch ihren Garten schwimmen lässt. Ihre Lebensweisheiten sind klar, aber quatsch: Wenn's heiß ist, geh irgendwohin, wo es noch heißer ist, dann wirst du vergessen, wie warm dir war...

Rentaneko ist an vielen Stellen auch subtiler und abgründiger als der genannte französische Schmalzklassiker, der sich vor allem an seiner eigenen schräg glänzenden Oberfläche ergötzt. Naoko Ogigamis Film ist an vielen Stellen rau und unvollkommen; gerade das macht ihn aber nur umso bezaubernder. Er legt sich eine Struktur auf, die die drei Geschichten in zunächst wiederkehrenden Formen erzählt, deren leichte Variationen immer prägnanter werden und schließlich die Frage der Einsamkeit natürlich auch wieder auf die Protagonistin zurückwerfen. Das geschieht anders, als sie sich das gedacht hatte; aber auch der Zuschauer wird aus der vorher brav angenommenen Routine geworfen.

So wird daraus ein Film, der zwar womöglich nicht zu den tiefschürfendsten des Festivals gehören mag, aber allemal zu den bestgelauntesten. Ein bisschen wird das Loch im eigenen Herzen, das immer da ist, gestopft; und Sayokos Ruf "Rentaneko - neko, neko" hat man danach noch lange im Ohr.

(Rochus Wolff)

Bisherige Kommentare

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Von: Frank B. Halfar am: 17.02.12
Sehr gelungene Kritik, die mir auch noch den einen oder anderen Blickwinkel auf dieses kleine Meisterwerk gegeben hat. Zum Gegenlesen meiner Besprechung hiermit eine herzliche Einladung!

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