11 13/02

Pina

Sagen wir es doch mal in aller Deutlichkeit. Bislang war nicht alles, was mit dem vollmundigen Marketing-Etikett 3D versehen in die Kinos kam, das erhöhte Eintrittsgeld wert, und manche Ankündigung (wie etwa jene, dass Titanic demnächst im mühsam rekonstruierten 3D-Look in die Kinos kommen soll) entbehrte nicht einer gewissen Komik bzw. dem nicht völlig unbegründeten Verdacht, dass hier mit einem Trend unbestimmter Dauer noch der schnelle Euro oder Dollar gemacht werden soll. Und so ist es kaum verwunderlich, dass man das Treiben im derzeit noch lukrativen Boom-Geschäft mit einigem Misstrauen betrachten sollte - immer auf der Hut vor der nächsten Blase, die mit lautem Knall platzen und auf diese Weise für lange Gesichter sorgen könnte.

Bei Wim Wenders Pina verhält sich das aber ganz anders - selten hat die 3D-Technik im wahrsten Sinne neue Dimensionen eröffnet wie in dieser Hommage an Pina Bausch. Während die Eroberung der dritten Dimension sich häufig auf pure Effekthascherei beschränkt, dient das Verfahren bei Wim Wenders von Anfang an dazu, das Wesen des Tanztheaters von Pina Bausch auf eine neue und vielfach verblüffende Weise sinnlich erfahrbar zu machen und in neue Dimensionen zu führen. Von Beginn an ist der Zuschauer mit auf der Bühne, durchmisst diese gemeinsam mit den Tänzern, meint den Vorhang über das Gesicht streifen und Regentropfen und welke Blätter auf der Haut zu fühlen, hat die Erde eines Bühnenbildes zum Greifen nah vor Augen und ist so in einer Weise Bestandteil des Geschehens, wie dies in der 2D-Version nicht der Fall ist, nicht der Fall sein kann. Die Schwächen bzw. Besonderheiten des Filmens mit 3D-Technik, das längere Einstellungen und mehr Bewegung im Raum erfordern, um die Tiefe der dritten Dimension vollständig zu erfassen, nutzt Wenders für wundervolle Sequenzen, in denen man wie nie zuvor in einem Film als Zuschauer selbst integraler Bestandteil des Geschehens auf der Leinwand, des Agierens der Kamera ist.

Ein Film mit Pina Bausch sollte es eigentlich werden, den der Filmemacher geplant hatte, doch der überraschende Tod der Tänzerin und Choreographin, die Wim Wenders seit 1985 kannte und mit der ihn eine Freundschaft verband, kam dazwischen und sorgte dafür, dass dies nun ein Film für Pina und all ihre Fans, aber auch für jeden Tanzinteressierten geworden ist. Und so sehen wir Aufnahmen Pina Bauschs als eine ferne 2D-Erinnerung, die Wenders kongenial in einer Art dreidimensionale Guckkastenbühne eingebaut hat.

Pina ist nicht nur ein wunderbares Geschenk an die Choreographin, die den modernen Tanz wie keine zweite geprägt hat - der Film zeigt auch, dass die 3D-Technik zu kostbar ist, um sie allein dem Mainstream-Kino zu überlassen. Wenn die Technik auch für Filme mit geringeren Budgets erschwinglich wird, kann man durchaus einige Revolutionen in verschiedensten Genres erwarten, die die Ästhetik und Narration um Facetten und mindestens eine Raumebene erweitern könnten. Insofern ist Pina nicht nur ein berauschender Film, der den Zuschauer wahrhaftig eintauchen lässt in die Welt des Tanztheaters, sondern auch ein Filmkunstwerk mit Pioniercharakter, das Widerstände gegen 3D abbauen sollte und hoffentlich dafür sorgen wird, dass sich auch der anspruchsvolle Film und das engagierte Kino beginnt, sich für die neue Technik zu interessieren.

Wenn man Pina gesehen hat, bekommt man eine Ahnung davon, wie interessant und anregend die Ergebnisse einer solchen Allianz sein könnten. Für alle anderen Zuschauer, die sich vor allem für das Tanztheater und dessen Erneuerin Pina Bausch begeistern, ist der Film vor allem die wohl sinnlichste Tanzerfahrung, die man derzeit im Kino machen kann.

(Joachim Kurz)

Fotos (C) Donata Wenders / Neue Road Movies

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