12 10/02

Nuclear Nation

Ruhe liegt über dem Ozean, dessen Wellen sich müde am Strand brechen, und Stille zieht über die Dünen, auf denen ein trüber Glanz liegt. Keine angenehme Stimmung weilt über dem Ort, von dessen Küste aus Atsushi Funahashis dokumentarisches Auge aufs Meer blickt, und dennoch ist es ein Sehnsuchtsort. Die Sehnsucht der Protagonisten, die sich unmerklich im Fühlen des Betrachters einnistet, bis sie zur eigenen geworden ist, richtet sich auf eine ihnen in einem doppelten Willkürakt entrissene Vergangenheit. Die Stadt im Rücken des Regisseurs, der zum dritten Mal das Forum der Berlinale besucht, ist eine Geisterstadt. In ihrem Schatten nimmt schleichend ein noch angsterregenderes Gespenst Gestalt an, für das erst das Schlussbild einen Namen findet: Nuclear Nation.

Ein stummer Frühling ist über den metaphysischen Ort des Filmtitels hereingebrochen, dessen Stille in den nach Jahreszeiten benannten Kapiteln des Dreiakters zum tonlosen Schrei wächst. "Wir unterstützen Fukushima! Wir unterstützen Futaba!", bekräftigt ein Schild vor einem Schulgebäude 250 Kilometer vor dem Ort, der am 11. März vorigen Jahres von einem Erdbeben der Stärke 9 erschüttert wurde. Es gab so viele Häuser, dass man von der Stadthalle aus nicht das Meer sehen konnte, erinnert sich ein Bewohner: "Aber an diesem Tag sah man es." Der Tsunami, der alles dazwischen fortgespült hatte, hat Futaba nicht ausgelöscht, sondern die Explosion im Kernkraftwerk am Folgetag, die den Ort radioaktiv verstrahlte.

1.400 der Einwohner wurden in die zum Notcamp umfunktionierte Schule evakuiert, mit dem Bürgermeister und der Stadtverwaltung. "Das ist unser Schicksal", sagt einer der Evakuierten. "Wir haben hart gearbeitet, ein Haus gebaut und alles ist verschwunden." Die beklemmende Exposition einer Katastrophe, deren volles Ausmaß sich erst zu entfalten beginnt, als das eigentliche Unglück bereits vorüber scheint, studiert den schmerzlichen Prozess, in dem die Protagonisten erkennen, dass der Verlust unwiederbringlich ist. Unerträglich wird er für die Betroffenen durch seine Absolutheit. Mehr als die Angehörigen und das Heim, der Grund und Boden, auf dem sie lebten, ist ihnen genommen. Ihr Groll richtet sich nicht gegen die Natur, sondern die Betreiber des TEPCO Kraftwerks.

"Ihr habt Priorität. Wir handeln auf der Stelle. Also wartet.", zitiert der Bürgermeister in einer Ansprache die Firmenleitung, welche die Rückkehrerlaubnis in die Sicherheitszone unablässig aufschiebt. Langsam kehrte Normalität ein, sagt Ichiro Nakai, der seine Frau und seinen Besitz bei dem Desaster verlor. Wodurch ist unklar. "Ich glaube fest, es könnte Überlebende gegeben haben", sagt sein Sohn. Aber die Suchtrupps wurden nicht durchgelassen in die Einöde aus verlassenen Gebäuden und Schutt. Die Förderung mit "Nuklear-Geldern" brachte Futaba den Aufschwung, erinnert sich der Bürgermeister. Autos ersetzten Motorroller, Unterkünfte wichen Eigenheimen, die Infrastruktur wurde ausgebaut, der Reisanbau maschinisiert, ohne dass es zu Arbeitslosigkeit kam. Es gab neue Jobs: im Kernkraftwerk. Dessen Betreiber TEPCO versprach Investitionen von 52 Millionen, wenn die Stadtverwaltung den Neubau zweier Reaktoren genehmigte.

"Eine strahlende Zukunft für den Geburtsort der Kernenergie", das verkündet der Schriftzug an einem Torbogen in Futaba, in das die Evakuierten in Schutzanzügen zu einem kurzen Gedenken zurückkehren dürfen. Dort müsse der Friedhof gewesen sein, vermutet einer. Der kleine Ortsfriedhof erstreckt sich nun bis zu den Grenzen der Zone, deren Horrorszenario die Protagonisten als Doppelgänger von Tarkowskis Stalker durchwandern. Gehäuse von Bussen, ein von der Welle wie Spielzeug zwischen sie gespültes Boot und mumifizierte Rinderkadaver im Fallout des Kraftwerk-Kadavers werden zu Relikten des Lebens: die gespenstischen Aufnahmen sind eindringliche Monumente gegen die vom Filmtitel angeprangerte Nuclear Nation.

Auf einem Grabstein liegt ein Geigerzähler. Das Gebet der Angehörigen davor scheint sowohl dem von der Radioaktivität gebrachten Tod als auch dessen Taktmesser zu dienen. Der nukleare Alptraum, den der Bürgermeister von Futaba schließlich in der Atomenergie erkennt, ist nicht vorüber. Weil andere ihn weiter träumen. Ein Nachrichtensprecher berichtet in einer beiläufigen Szene: "Deutschland zieht Kernenergie in Erwägung."

(Lida Bach)

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