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Les contes de la nuit

Erlischt das Licht im Kino, erstrahlen die Farben. Menschen werden zu Silhouetten und der Geist ist die Leinwand. Das Drehbuch schreibt die Fantasie - es schlägt die Stunde der "contes de la nuit". Nicht mit einer Kamera werden sie erzählt, sondern einer Laterna Magica. Ihr Licht gewinnt sie von den Geistesblitzen zweier junger Menschen und eines alten Technikers. Imagination und Eigensinn des Jungen und des Mädchens gestalten die Formen und Farben der Märchenwelt. Die jugendlichen Protagonisten verkörpern das archetypische Paar, dass Menschen fressenden Ungeheuern, Flüchen und bösem Zauber, immer wieder aber auch menschlichen Intrigen widerstehen muss. Mit dem alten Techniker stehen sie für die Einheit von Wissen, Kunstfertigkeit, Neugier und Experimentierfreude, die in berauschenden Animationen der Contes de la nuit schillert.

Der Techniker ist der Zeremonienmeister der Contes de la nuit, ein schemenhaftes alter ego von Regisseur Marcel Ocelot. Der französische Animationskünstler erschafft die Szenarien, in denen die beiden namenlosen Hauptcharaktere in fantastische Rollen schlüpfen. Sein unnachahmlicher Stil mäandert von griechischen Fresken zu den filigranen Zeichencapricen Aubrey Beardsleys und den Scherenschnitten aus Lotte Eisners Prinz Achmed. "Über die Jahre habe ich etwas recht Angenehmes entdeckt", verrät der Regisseur. "Ich bin ein Zauberer." Die Zauberkunst ist heute nichts Außergewöhnliches mehr. Böse Magier, gute Feen, Hexendoktoren und geheimnisvolle Halsketten beherrschen sie. Wenn sein Besitzer damit etwas besonders Geliebtes berührt, zaubert manchmal sogar ein gewöhnliches Paar Hände. So geschieht es im Märchen vom Reh-Mädchen und dem Sohn des Architekten, dem letzten der Contes de la nuit, und mit den Buntpapierkunstwerken unter Ocelots Händen.

Sechsmal ruft die Eule vor dem roten Vorhang, der vor jeder der Contes de la nuit an ihre cineastische Natur erinnert. Sechs Nachtgeschichten werden erzählt, die gleichzeitig Gute-Nacht-Geschichten sind. Grausiges und Blutrünstiges, das untrennbar mit den Legenden und Märchen aller Völker verbunden ist, hat Ocelot aus seinem 3D-Film getilgt. Selbst ein Werwolf ist darin ein handzahmes Reittier, Riesenbestien werden zu hilfreichen Freunden. Wahre Liebe besiegt alles und verdient jedes Opfer, Treue und freundschaftliche Liebe eingeschlossen. Das obligatorische Happy End fühlt sich angesichts dieser erzählerischen Oberflächlichkeit verlogen an, mag die Geschichte auch "Der Junge, der niemals log" heißen. Ocelot ist augenscheinlich nicht dieser Junge, doch es passt zum dramaturgischen Charakter seines Werks, dass er sich nach eigener Aussage mit ihm identifiziert. Seine Lüge erzählt vom ewigen Sieg des Guten, von Anstand, Tugendhaftigkeit und Mühen, die nie unbelohnt bleiben.

Pathetisch nennt der alte Techniker treffend schon die erste Rolle des "Werwolf". Sie liebe das Wölfische an ihrem Verlobten, sagt die Braut des Werwolf-Prinzen. Ihre Sehnsucht nach Ungezähmtem fühlt man immer drückender während der allzu anschmiegsamen Contes de la nuit. Als wisse er darum, lenkt Marcel Ocelot in seinen Dialogen die Aufmerksamkeit betont auf die optischen Aspekte. "Seht nur, die wundervollen Kostüme!", "Welch großartige Vielfalt an Frisuren!", "Was für schöner Hibiskus!". Sie werde sich nicht von einem Kleid verführen lassen, erwidert angesichts von so viel Selbstschmeichelei das Mädchen dem Techniker. Dessen realer Gegenpart Marcel Ocelot verfährt wie der Lindwurm aus einer der Contes de la nuit mit den Bewohnern der Goldenen Stadt. Er schenkt wunderschöne Fassaden, doch die Figuren bezahlen dafür mit ihrem Leben. Bezaubernd ist das fantastische Abenteuer für knapp anderthalb Stunden. Doch wenn der Tag über dem kleinen Kino aus der Filmhandlung anbricht, wird sich das magische Theater in ein gewöhnliches Lichtspielhaus zurückverwandeln. Und beim Verlassen des Berlinale-Palastes verpufft die Magie des Märchenreichs.

(Lida Bach)

Fotos © 2011, Nord-ouest Films - Studio O - StudioCanal

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