12 16/02

L’âge atomique

"Was suchen Victor und Rainer, die nachts mit dem Zug in ein klaustrophobisch wirkendes Pariser Zentrum fahren?", fragte das Pressematerial zu Héléna Klotz' kleiner Filmodyssee im Berlinale Panorama. "Was suchen die beiden pubertären Vorstadtkids, die von Party-Gängern zu Waldläufern werden in einem Pariser Zentrum, das eine flüchtige Aufnahme des glitzernden Panoramas eines des Nachts erleuchteten Eiffelturms suggerieren soll und das daher kein bisschen „klaustrophobisch" wirkt?", fragt eine Stimme im Hinterkopf, die einem schon während der verstiegen Eingangsszenen zuflüstert, dass der filmische Kampf der Regisseurin um Poesie und Elegie ein aussichtsloser ist.

So wie die Suche der sich in Selbstgefälligkeit und Prätention ihrem inszenatorischen Rahmen anpassenden Protagonisten. Auf die schäbige Kleidung und das ungepflegte Äußere von Victor (Eliott Paquet) und Rainer (Dominik Wojcik) nimmt der verstiegene Kurzfilm ebenso bedeutsam Bezug wie auf nahezu jede augenscheinliche Irrelevanz, in der die träge Handlung vergebens nach einem tieferen Sinn schürft. Bedeutet das Heruntergekommene soziale Verwahrlosung oder ist es ein trotziges Bekenntnis zum Prekariat als ideeller Ersatz eines nicht gewagten politischen Bekenntnis zum Sozialismus, von dem eine Echostimme aus dem Off lektoriert. In der Sowjetunion mussten die Menschen sich auf eine Liste setzen lassen, vorab bezahlen, um ein Auto zu kaufen und dann zehn Jahre warten.

Beim Kinobesuch auf Filmfestivals ist es manchmal ähnlich. Zuerst für Restkarten anstellen, im Voraus zahlen und dann zehn Jahre warten. Diese Zeitspanne sitzt man gefühlt im Saal ab, bis das nur knapp über eine Stunde lange Nachtstück von klammer Morgendämmerung beendet wird. Das kalte Licht des Tages kratzt den letzten Rest Prätention von den Figuren, die an Geistlosigkeit den Dialogphrasen gleichkommen. "Das Leben ist schön und es wird immer schöner, während wir aufwachsen", glaubt Victor, um wenig später dem eigenen vermeintlichen Optimismus zu widersprechen: "Ich will nicht sterben, aber ich weiß, ich werde es. Das werden wir alle." Wesentlich besser fühlt sich auch sein Begleiter nicht: "Ich sterbe. Ich bin die einsamste Kreatur auf diesem Planten", proklamiert Rainer in der unbestimmten Mischung aus Sehnsucht und Überdruss, in der die beiden Protagonisten nicht zueinander zu sprechen scheinen, sondern zu den Zuschauern.

Um jeden Preis möchte das gleich seinen Protagonisten auf immer absurdere Abwege streunende Debüt diesen eine Botschaft von tiefer Bedeutsamkeit vermitteln. Welche das sein soll, scheint Héléna Klotz selbst nicht zu wissen. Alles sei verloren, heißt es einmal. Ist es Unschuld, Hoffnung oder Illusionen, denen die hinter all der beiläufigen Grübelei gleichgültig auftretenden Jungen nachtrauern? Am Ende scheint es nur der Sinn des verstiegenen Filmversuchs. „Wahres Glück kann nur in wahnsinniger Liebe gefunden werden", sagt er mit vielsagendem Blick auf Victor, für den er mehr als Freundschaft zu empfinden behauptet. Die niemals ergründete romantische Affektion scheint nur ein Requisit des düsteren Dichterkostüms, das Klotz ihm anlegt, gleich seiner blasiert hervorgekehrten Schlaflosigkeit: „Ich habe wieder angefangen Gedichte zu lesen. Während ich Gedichte zitiere schlafe ich schließlich ein."

So ergeht es einem beinah selbst, wenn die Kamera über die leuchtende Stadtsilhouette geleitet, bevor sie sich im tranceähnlichen Rausch einer Disco verliert, aus der die Protagonisten in den spukhaften Winterwald driften. "Was machen wir eigentlich?", fragt Victor zuvor ratlos. "Wir laufen", erkennt Rainer scharfsinnig. "Was für eine beschissene Nacht." Wahre Worte, auch im Bezug auf das prätentiöse Desaster, das dramaturgisch ebenso öde und pseudophilosophisch auftritt wie visuell. Oder um es mit einem Dialogzitat aus dem Film zu sagen: "Wir sollten die Lichter dimmen und zu schwärzester Nacht zurückkehren."

(Lida Bach)

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