Kleiner Kino-Knigge

12. Februar 2012

Aus aktuellem Anlass suche ich jetzt eine größere Öffentlichkeit für folgende Zeilen, die ich letztes Jahr nach der Berlinale (sprich: nach 45 Kinobesuchen) verfaßt habe. Diese Jahr habe ich schon im Vorfeld mit dem Gedanken gespielt, in den Festival-Kinos Flügblätter zu verteilen - mit ein paar einfachen Benimm-Regeln, die das tagelange gemeinsame im Kino sitzen schöner (um nicht zu sagen: erträglicher) machen könnten.

Es wird höchste auch Zeit, denn gestern war es schon wieder so weit. Ich musste in der nachmittäglichen Pressevorführung den ersten Kino-Scharcher zur Ruhe bringen, d.h. wachrütteln. Also: die Anwesenden der Pressevorführung von À moi seule im Cinemaxx 9 könnnen sich bei mir bedanken, dass das Schnarchen plötzlich verstummt ist! Aber da es bei weitem nicht nur ums Schnarchen geht - here we go:

Kleiner Kino-Knigge zur Minimierung der zwischenmenschlichen Interferenzen während einer Filmvorführung

  1. Ständige starke Tritte in die Rückenlehne, die auch nach mehrmaliger freundlicher Abmahnung nicht aufhören, werden allein durch die Tatsache, dass sie mit feinem italienischen Lederschuhwerk ausgeführt werden, nicht angenehmer. (Schöne Grüße an den sehr gut gekleideten, intellektuell wirkenden, distinguierten älteren Herren Rüpel hinter mir!)
  2. Eigentlich ja schön, dass sich viele Kollegen untereinander kennen und sich gerne austauschen. Nur während einer Filmvorführung (auch wenn es eine Pressevorführung ist) nervt eine engagiert diskutierende Vierer-Phalanx eine Reihe weiter hinten gewaltig. Filmkritiker besprechen von Berufs wegen Filme. Soweit mir bekannt ist, geschieht dies jedoch medial und vor allem erst nach der Filmvorführung. Vielleicht waren die vier Verdächtigen in diesem Fall ja Hörfunkjournalisten und Teilnehmer des Modellversuchs "Simultan-Experten-Gespräch-zum-Film" - wer weiß. Grundsätzlich aber gilt: Eine Pressevorführung ist kein Presseclub zum Plaudern. Ihr könnt euch ja hinterher auf einen Kaffee treffen und munter und engagiert drauflosdiskutieren oder frei von der Leber weg mäkeln, oder besser noch: den Film erstmal sacken lassen und dann eine wohl überlegte, fundierte und bitte schön gut geschriebene Besprechung abliefern. Davon haben dann auch deutlich mehr Leute etwas, als nur die zufällig Umsitzenden im Kino.
  3. Wenn ein Film gar nicht gefallen will, steht es übrigens einem jedem frei, das Kino sofort zu verlassen. Sofort - und nicht erst nach minutenlangem Füßescharren, Rumgestöhne und anderen lauten Unmutsbekundungen. Oder aber man harre still aus und gebe dem Film noch eine faire Chance.
  4. Draußen vor dem Kinosaal ist es übrigens hell. Dort kann man auf der Suche nach dem nächstbesseren Film, in den man sich flüchten will, ohne Probleme in einem oder allen seinen unzähligen knisternden Programmheftchen blättern. Dazu braucht man draußen vor dem Kinosaal praktischerweise weder eine Taschenlampe, noch sein Handy als Beleuchtungshilfe. Daher gilt: Geht gefälligst raus!
  5. Falls ihr nicht rausgehen könnt, weil ihr den Film sehen müsst, um eine Besprechung desselben abzuliefern, dann kann ich euch beruhigen: Die Filmemacher haben den Film nicht absichtlich vergurkt, um euch eins auszuwischen und euch das Leben schwerzumachen. Im Gegenteil, hier haben Dutzende von Leuten mehrere Monate oder gar Jahre ihres Lebens investiert. Diese Arbeit darf man respektieren, auch wenn man mit dem Ergebnis persönlich nichts anfangen kann.
  6. Wenn man - sagen wir mal - seit einem gefühlten Vierteljahrhundert professionell fast mehr Filme pro Jahr guckt, als dasselbe Tage hat, dann wird man mit der Zeit sicherlich unleidiger bei all den schlechten Filmen, die unweigerlich auch darunter waren. Das ist aber kein Grund dafür, während ein neuer Film gerade zum ersten Mal über die Leinwand flimmert, diesen ungehalten zu kommentieren (hier gilt wiederum Punkte 3 und 5). Das ist nicht professionell. Man stelle sich einmal ein Großraumbüro voller kaufmännischer Angestellter vor, die ihre alltägliche Arbeit mit den Exceltabellen laut kommentieren: "So ein Scheiss", "Das macht ja keinen Sinn" "Das war ja voraussehbar, das das am Ende rauskommt"...
  7. Mitschreiben während des Films ist in Kritikerkreisen gängige Praxis. Die sozial kompetenteren unter den Schreibenden begnügen sich dabei mit dem Licht der Leinwand. Andere allerdings legen auch im Kino wert auf saubere Zeilenführung und nehmen ein Licht zu Hilfe. Denen würde ich gerne mal ins Hirn leuchten.
  8. Mit gespitzter Feder dazusitzen ist an sich eine gute Haltung für einen Journalisten und verursacht keine Störgeräusche. Wohl aber, wenn statt der gespitzten Feder der Druck-Kuli zum Einsatz kommt, der mit metallischem Klick nach jedem Satz gesichert und kurz darauf wieder entsichert wird. Da wünscht man dem Kämpfer der schreibenden Zunft in der Reihe hinter einem schon mal eine akute Lade- und Schreibhemmung.
  9. Handys sind zugegebenermaßen praktische Arbeitswerkzeuge, die man wirklich Vielfältig gebrauchen kann. Auf Konzerten kommen sie auch gerne als moderne Variante des Feuerzeugs zum Einsatz, denn man kann mit ihnen wunderbar leuchten. Allerdings leuchtet das Display auch dann blendend durchs Dunkel, wenn es seinem Nutzer gar nicht um den Shine-a-light-Effekt geht, sondern er nur eben mal Kommunizieren oder Konsumieren möchte. Denn diesem Drang scheinen viele auch während der Film läuft nicht ganz widerstehen zu können, so dass es in manchem Kinosaal zeitweise fast aussieht wie beim Schmusesong-Highlight eines Scorpions-Konzerts. Auch ohne die Musik und gerade im Kino kein schöner Anblick. Und ich wäre auch wirklich lieber bei einem Scorpions-Konzert, als jemanden im Kino telefonieren zu hören.
  10. In den Pressevorführungen im Berlinale Palast ist das Essen verboten. Das Verbot wird auch nicht durch das Erlöschen des Saallichtes außer Kraft gesetzt, wie einige Ungefrühstückte gerne glauben. Mein Vorschlag zur Güte: Wenn ihr schon keine 2 Stunden ohne feste Nahrung auskommt, dann greift am besten zu Mandarinen. Die sind im Februar besonders lecker und verbreiten einen angenehm frischen Geruch, der tatsächlich hilft, die Ausdünstungen der gegen Ende des Festivals leider auch vermehrt auftretenden Ungewaschenen zu überdecken.

Abschließend noch meine Bitte an alle, die während des Festivals nicht genügend Schlaf einplanen, bzw. nicht zur nächtlichen Durchführung desselben kommen: Könnt ihr im Vorfeld bitte mit euren jeweiligen Bettpartnern abklären, ob ihr während des Schlafs störende Geräusche verursacht?! Falls ja, ist ein Nickerchen in einer Filmverführung nämlich keine Alternative für euch!

Mein Dank gilt an dieser Stelle allen, die sich auch im Dunkeln zu benehmen wissen!

(Kirsten Kieninger)

MEINUNGEN
Bisherige Kommentare (Anzeige: 3 von insgesamt 3)
Von: eleLeise am: 13.02.12
Geniale Idee.
Von: Fan am: 12.02.12
Großartiger Text!! Solche Artikel lassen ein bisschen Flair der Berlinale aufkommen! Danke an die Autorin :)
Von: FrauFlinkwert am: 12.02.12
Oh Danke!!! ich bin doch fürs Flugblätter verteilen, spätestens beim Fantasy Filmfest im Sommer *lach*. Diese Regeln lassen sich übrigens nicht nur für Festivals anwenden, sondern generell bei Kinobesuchen.
   
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