11 18/02

Jess + Moss

Eines Tages werde ich aus diesem Ort verschwinden, sagt Jess (Sarah Hagan). Eines Tages werde ich verdammt noch mal von hier verschwinden. Weg aus Kentucky, weg von diesem Ort, der in Wahrheit ein Nicht-Ort ist. In der Einöde lebt nichts, es existiert. Zwei der verlorenen Seelen im Nirgendwo sind Jess und Moss. Ein paar verwackelte Szenen, kaum über 80 Minuten Film, zwei Häuser, mit fünf Menschen darin in den endlosen Weiten der Tabakplantagen. Mehr braucht Clay Jeter nicht für sein sengendes kleines Kinodebüt Jess + Moss.

Alles in ihrem Lebensgefängnis hasst Jess. Außer Moss (Austin Vickers). Manchmal hasst sie ihn auch. Manchmal sich selbst. Nur mit Moss verbringt Jess ihre Zeit, obwohl sie schon 18 ist und Moss erst zwölf. Cousin und Cousine zweiten Grades sind Jess + Moss, entfernt verwandt, doch emotional ganz nah. "Meine Eltern und deine Eltern waren beste Freunde", erzählt Jess Moss immer wieder. Es gab einen Sturm und einen Unfall. "Du bist alt genug, einen Job zu kriegen und deine eigenen Kippen zu kaufen", sagt der Mann, mit dem sie das verwahrloste Haus teilt. Ihr Stiefvater, ihr Onkel. Irgendwer, den ihre Mutter dort gelassen hat. Auf einem alten Tonband spricht sie zu ihrer Tochter: "Männer sind allesamt bemitleidenswert. Sieh dich bloß vor!" Manchmal verwandelt sich Jess mit ihren Sachen vor dem Spiegel in eine armselige Marilyn Monroe-Kopie.

Eines Tages war Jess' Mutter fort. Wie Jess eines Tages fort sein wird. Der Koffer ist gepackt, seit Monaten, seit Jahren. Womöglich ist es ein Koffer, den ihre Mutter zurückgelassen hat. Zurückgelassen wie Jess. "Euer Gedächtnis ist vollkommen", erklärt eine Lehrschallplatte von Moss. Wenn etwas Schreckliches geschieht und man den Schmerz nicht nochmal fühlen will, kann das vollkommene Gedächtnis das Erlebte unterdrücken. "Aber es ist immer noch da", sagt die Schallplattenstimme. "Es ist seltsam", sagt Jess zu Moss. Wenn man die Dinge jeden Tag sieht, bemerkt man nicht, wie sie sich verändern. Man erkennt nicht, wie es schlimmer wird. Aber das wird es. "Wie lange hast du den dummen Koffer eigentlich schon gepackt", ruft Moss eines Tages wütend. Es ist einer der Tage, an dem sie Moss hasst, an dem sie sich hasst. Dann schlägt sie auf ihr Bein, immer an die gleiche Stelle. Das Fleisch ist dort ganz taub.

Wenn der Schmerz zu lange andauert, hört man manchmal auf ihn zu fühlen. Auch den Schmerz von Freunden. Der Titel Jess + Moss ist bruchstückhaft wie die Handlung. Die Kamera stammt von Regisseur Jeter und dessen Co-Kameramann Will Basanta, die beide in den Südstaaten aufwuchsen. Die schwüle Ödnis der Landschaft bannen sie in unscharfe, grobkörnige Momentaufnahmen. Schwelende Sexualität wuchert in der pathologischen Atmosphäre aus religiöser Strenge und Verwahrlosung. Eine chronologische Handlung gibt es nicht. Sie scheint erstickt in der beklemmenden Atmosphäre. Jede Form von Individualität stößt hier an ihre Grenzen wie die vagen Fluchtphantasien von Jess + Moss.

Seine Geschichte erzählt das in flirrenden Bildern gehaltene Drama mehr intuitiv als chronologisch. Fesselnd authentisch und fast schmerzhaft in seiner Unmittelbarkeit ist das in der Sektion „Generation 14plus aufgeführte Jugenddrama. Ein Erwachsenenfilm für Kinder, ein Kinderfilm für Erwachsene.

(Lida Bach)

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