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12 14/02

Jayne Mansfield´s Car

Es entbehrt nicht einer gewissen Pikanterie, dass in diesem Jahr bei der Berlinale sowohl Angelina Jolie wie auch Billy Bob Thornton, die sich in früheren Jahren bis zu ihrer Trennung gerne als Rock'n'Roll-Traumpaar Hollywoods präsentierten, ihre neuen Filme vorstellen. Zwar hat man dankenswerter Weise die neuen Werke der beiden zeitlich weit auseinander platziert, doch natürlich kommt man nicht ganz umhin, an eine Art Fernduell eines Ex-Paares zu denken. Und deshalb, so heißt es, müssen Journalisten, die ein Interview mit Thornton führen, sich vorab schriftlich dazu verpflichten, keine Frage nach Angelina zu stellen - dabei handelt doch sein Film ebenfalls von einem Ex-Paar, zumindest ganz beiläufig.

Verkorkste Familien gibt es überall - auch in den Südstaaten der USA im Jahre 1969. In Morrison, Alabama lebt eine dieser Familien, durch die ein tiefer Riss geht. Bei genauerer Betrachtung sind es sogar zwei - den einen hat der Vietnam-Krieg geschlagen, den der Veteran und Patriarch Jim Caldwell (Robert Duvall) in glühenden Worten befürwortet, während sein Hippie-Sohn Carrol, der im Zweiten Weltkrieg gekämpft hat, als Späthippie mit einem eher niedlich anzusehenden Grüppchen von Dropouts so wie viele andere auch in den USA gegen diesen Krieg protestiert. Der zweite Riss ist kein politischer, sondern ein privater - vor vielen Jahren ist Jim Caldwells Frau davongelaufen und hat in England (ausgerechnet!) ihr neues Glück gefunden. Nun ist sie tot und es ist, wie Caldwell am Telefon mitgeteilt wird, ihr Wunsch, in der Heimat ihrer ersten Familie bestattet zu werden. Was aber auch bedeutet, dass ihre neue Familie mitkommen wird - und damit genau jene Leute, die der knurrige alte Mann bislang immer für das Unglück seines Lebens verantwortlich gemacht hat. Tatsächlich prallen Welten aufeinander, als die sehr unterschiedlichen Familien aufeinandertreffen doch man ahnt schnell, dass es bald schon zu transatlantischen Annäherungen kommen wird - und daran sind Marihuana und LSD nicht ganz schuldlos.

Eines steht außer Frage, Jayne Mansfield's Car ist der bislang heiterste Wettbewerbsbeitrag der diesjährigen Berlinale - aber ist er auch der beste? Nein, sicherlich nicht. Denn obwohl Billy Bob Thornton vieles richtig macht und schöne Konstellationen und knackige Dialoge ersinnt, ist sein Film viel zu altbacken und harmoniesüchtig, um länger im Gedächtnis zu bleiben als zwei Stunden gelungene Unterhaltung, die aber in keiner Weise etwas bewegen im Kopf des Zuschauers. Viel zu konstruiert wirkt das Drehbuch, das Themen wie traumatisierende Kriegserlebnisse und deren Folgen für Familien (und zwar für beide dies- und jenseits der Atlantik) gewissermaßen durchdekliniert und dabei die eigentlich recht charmant angelegten Figuren immer wieder zu reinen Funktionsträgern degradiert. Und mit der Liebe, dem zweiten großen Themenkomplex des Films ist es nicht viel anders: Quasi spiegelbildlich kommt es zu zwei neuen Liebespaaren, die die Annäherung zwischen den amerikanischen Caldwells und den britischen Bedfords körperlich vollziehen, wobei beiden natürlich ein dauerhaftes Glück vergönnt ist - die Geschichte wiederholt sich manchmal eben doch nicht.

Getragen wird das heitere Possenspiel mit ernstem Hintergrund von dem zumindest auf dem Papier starken Trio Billy Bob Thornton als schrägem Vogel Skip, Robert Duvall und John Hurt, der den Konkurrenten des verlassene Ehemanns geben darf, wobei seine Figur sich im Wesentlichen darauf beschränkt, gebrechlich und voller Trauer zu sein.

Und ja, man muss auch in diesem Fall wieder über die Filmmusik sprechen - leider. Klar, dass Thornton als alter Rocker es hier ordentlich aus den Boxen krachen lässt. Wer nun aber nicht gerade auf erdigen Südstaaten-Rock uralter Prägung mit ellenlangen Gitarrensoli steht, der wird alsbald aufgrund des Gejaules missmutig das Gesicht verziehen.

Hinter den Kulissen des Films kam es übrigens noch zu einer ganz anderen Annäherung - nein, keine amouröse - , denn die uramerikanische Dramödie wurde mit russischem Geld produziert. Jayne Mansfield's Car ist das erste englischsprachige Projekt des Produzenten Aleksandr Rodnjanskij, dessen Film An einem Samstag im letzten Jahr im Wettbewerb zu sehen war. Man muss kein Prophet, wenn man mutmasst, dass die Rendite bei Thorntons Film aller Wahrscheinlichkeit nach kein Goldener Bär sein wird.

(Joachim Kurz)

Fotos (C) Van Redin