11 12/02

Jørgen + Anne = Sant

Anne liebt die Geistergeschichte über das unheimliche Helga-Haus in ihrer Straße, sie klettert liebend gern auf Bäume und mag es sich zu raufen. Am allermeisten aber liebt sie Jørgen. In ihrem Alter kann man sich nicht verliebt sein, sagen ihre Mutter und Annes großer Bruder. Dabei ist Anne nicht mehr 9, sondern schon 9 ½ und gut in Grammatik muss sie nicht sein, um die Bedeutung von Jørgen + Anne = Sant zu verstehen. Die wilde Heldin von Anne Sewitzky intelligenter Kinderromanze ist auch wild entschlossen, ihren neuen Mitschüler nicht der eingebildeten Ellen (Vilde Frederiksen Verlo) zu überlassen. Doch so einfach, wie sich die Gleichung Jørgen + Anne = Sant liest, geht die Liebe nicht auf.

Wenn man verliebt ist, ist alles erlaubt, denkt sich Anne. Das hat sie von ihrer besten Freundin Beate (Aurora Bach Rodal) gelernt. Die liest komplizierte Bücher, in denen junge Liebespaare sterben und heiratswillige Männer versteckte Ehefrauen in Dachkammern haben. Grusel- statt Liebesschauer kriechen auch den jungen Charakteren manchmal über den Rücken. Blut tropft aus der Wand, ein junges Mädchen ertränkt sich und ein ausgestopftes Rehkitz liegt auf einem Beistelltisch. Ein Geist geht um in dem gruseligen Nachbarhaus und ein anderer scheint in Anne zu fahren, als sie Ellen mit der Schere zu Leibe rückt. Doch Köpfe werden in Jørgen + Anne = Sant nur verdreht, bis die kindlichen Protagonisten nicht mehr wissen, wo ihnen der Sinn steht. Nur ein blonder Zopf fällt zu Boden und der Auftritt in einer Shampoo-Reklame ins Wasser.

Die unheimlichen Motive, die den Spannungskontrast zum Romantik-Plot setzen, entlehnt Sewitzky den düster-romantischen Sagen ihres Heimatlandes Norwegen. Das Gespenst aus dem Helga-Haus, dem Anne schließlich leibhaftig gegenübersteht, ist kein Kinderschreck, sondern ein berührend menschlicher Schatten, der Schatten der ungestümen jungen Helga, mit der Anne sich identifiziert.

Feine ironische Anspielungen fordern das Kinderpublikum auf intelligente Weise und machen den kurzweiligen Familienfilm auch für ältere Zuschauer amüsant. Die temperamentvollen Kinderdarsteller, allen voran die sprühende Maria Annette Tanderø Berglyd, übertrumpfen die erwachsenen Akteure nahezu spielerisch. Die kindlichen Ränke und Pläne, die Anne mit Beate ausheckt, stehen denen ihrer Rivalin Ellen kaum nach. Die Figuren aus Vigdis Hjorths Kinderbuch, das in Norwegen zum Bestseller wurde, zwingt die Regisseurin nicht in plumpe Gut-Böse-Schema. Frei von belehrendem Moralisieren zeichnet Jørgen + Anne = Sant eine Kinderwelt, die der Welt der Erwachsenen ähnlicher ist, als es Eltern und Lehrer ahnen. Am Ende ist es ihre Mutter, die sich bei Anne entschuldigen muss: dafür, dass sie erst spät erkannt hat, wie reif ihre Tochter ist.

Dabei zählt Anne noch zu den kindlicheren der Filmcharaktere. Ellen erinnert mit ihrem Make-up und dem jugendlichen Kleidungsstil an einen Miniatur-Teenager. Unterschwellig erinnert die zärtlich-humorvolle Kinderliebesgeschichte daran, wie früh die Kindheit manchmal vorüber ist, selbst wenn sie so idyllisch und behütet ist wie in Jørgen + Anne = Sant.

(Lida Bach)

Partner

  • Deutsche Film- und Medienbewertung
  • Arthaus Filme
  • Filmförderung Baden-Württemberg
  • Filmfest München
  • Festival Scope