12 13/02

Herr Wichmann aus der dritten Reihe

Er ist älter geworden, der Henryk Wichmann; man ahnt ein wenig das erste Grau in seinen Haaren, drei Töchter hat er inzwischen bekommen, er sitzt im Kreistag und im brandenburgischen Landtag. Vor mittlerweile fast zehn Jahren hat er sich für die CDU abgestrampelt in seinem Wahlkreis in der Uckermark, und Andreas Dresen hatte ihn damals, im Sommer 2002, mit seinem Team begleitet - ein Wahlkämpfer ohne Allüren und ohne Hoffnung darauf, den Wahlkreis wirklich zu gewinnen.

Acht Jahre später ist Dresen wieder mitgefahren, ein ganzes Jahr lang diesmal, von Sommerpause bis Sommerpause. 33 Jahre alt ist Wichmann beim ersten Wiedersehen im Sommer 2010, und schon bei der ersten Fraktionssitzung, bei dem ihm nachträglich zum Geburtstag gratuliert wird, im förmlichen Rahmen und mit Blumenstrauß, deutet sich an, wie sehr sich womöglich die Menschen in diesem seltsamen Betrieb Politik mit Herzlichkeit und Lockerheit ein wenig schwertun.

Henryk Wichmann ist, daran kann man sich anhand des ersten Filmes, Herr Wichmann von der CDU, noch vergewissern, schon als jüngerer Politiker jemand gewesen, der direkt auf die Menschen zugeht, jeden grüßt, Hände rechts und links schüttelt - aber dann nicht unbedingt zu großen, gesetzten Reden neigt. Ein Rhetor ist er nicht, manchmal fällt ihm selbst der Small Talk schwer: Auf dem Fest einer lokalen Gruppe vom Roten Kreuz müht er sich am Informationsstand schon sehr ab, aber so richtig will ihm nichts einfallen, worauf die Damen anspringen. Im Hintergrund drehen sich weißgekleidete Frauen mit bunten Tüchern, und hier wie auf anderen Festen begegnet dem Zuschauer dann auch die brüllend komische Gegenwart in allen Ausformungen.

Dass Wichmann durchaus reden kann, sieht man einmal im Landtag: Da geht es um Schulpolitik, und der Familienvater ist sichtbar sauer - aber das hindert ihn nicht, seinen Ärger in wohlgesetzte Worte zu packen. Damit skizziert er aber auch die Bandbreite, die der Film anhand von Wichmann aufmacht: Er kann spürbar sicherer sprechen, sobald er sich in den Sphären der organisierten Politik bewegt, aber es ist ihm eben doch ein Anliegen, dies zu füttern mit all dem, was es im Alltag des Wahlkreises so zu erfahren gibt.

Und so sieht man ihn zweimal Bürgerbüros in kleinen Ortschaften eröffnen, und zweimal bringen ihm die wohlmeinenden Menschen Topfpflanzen zur Ersteinrichtung vorbei - eine größer als die andere. (Bei der Uraufführung auf der Berlinale gab's dann vom Team zum Dank auch je eine große Topfpflanze für Regisseur und Hauptdarsteller.) Anfangs wirkt Wichmann fast unbeholfen in der Wahl seiner politischen Mittel: Als gehöre er zu einer Bürgerinitiative, überreicht er da dem Innenminister "10.041 Unterschriften" gegen die Schließung von Polizeistationen.

Später aber wird deutlich, dass er sein Handwerk schon besser versteht: In kleinen Gesprächen und geschickt eingefädelten Presseaktionen bastelt er an politischen Erfolgen oder beißt sich an einem Thema auch schon mal die Zähne aus. Und immer wieder hört er zu und fragt nach und moderiert.

Wie auch im ersten Film lässt Dresen seinen Protagonisten unkommentiert vor der Kamera agieren; die Ereignisse kommentiert der durchaus gesprächige Wichmann schon selbst. Und in der Tat hat Dresen mit seinem Team aus den wohl über 100 Stunden gedrehten Materials genug sprechende Bilder gefunden, als dass es weiterer Kommentare bedürfe.

So wird der Film auch zu einer politischen Lehrstunde über das Deutschland der Gegenwart. Denn ebenso sehr wie Wichmanns politische Positionen erfährt man natürlich - absichtlich oder unwillkürlich - über die Haltungen und Positionen jener, mit denen er zu tun hat. Da gibt eine Frau ihren Vorurteilen mal so richtig freien Lauf (Wichmann trocken: "Da muss man dann auch zuhören."), Naturschutzverbände und Grundbesitzer kriegen sich in die Haare, haben es aber nur nicht geschafft, einfach mal offen miteinander zu reden. Und an dem Projekt einer Durchfahrt für Segelboote durch ein Naturschutzgebiet beißen sich seit 15 Jahren alle politischen Parteien trotz besten Willens die Zähne aus. Und immer wieder geht es um den Schutz des Schreiadlers.

Dresen zeichnet Henryk Wichmann - wohl in Übereinstimmung mit dessen Weltbild - hier immer wieder als Moderator und Katalysator, der Anregungen von anderen aufnimmt und mit allen zu sprechen versucht, die von einer Entscheidung betroffen sind. Ein mustergültiger Demokrat und Abgeordneter, wenn er nicht immer noch den unterschwelligen Verdacht hegen würde, dass die Naturschützer und die grüne Partei jedem wirtschaftlichen Fortschritt zu vernichten drohen. Hier tritt jemand auf, dessen Horizont auf seine eigene Welt begrenzt ist - aber er ist in dieser Welt so fleißig und ohne Pause Verbesserungen erstrebend, dass man ihm gerade das als besonders sympathisch auslegen möchte.

Es sei verblüffend für ihn gewesen, so Andreas Dresen nach der Premiere, wie kleinteilig, mühsam und langsam politische Arbeit tatsächlich sei. Statt konkreter Projekte, die innerhalb des Drehjahres angegangen und abgeschlossen wurde, gab es nur kleine Erfolge - aber gerade das, diese Trippelschritten der demokratischen Realität, machen den Film zu so einem herzhaften Erlebnis.

(Rochus Wolff)

Fotoss (c) Andreas Dresen

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