12 12/02

Die Wand

"Solche Dinge geschehen einfach nicht. Nicht in einem kleinen Dorf, nicht in Oberösterreich und nicht in Europa." Aber sie sind geschehen, genau dort. Dort, wo vor dem erhabenen Bergrelief mit seinem tiefen Nadelwald die Berghütte der Erzählerin steht. Das befreundete Ehepaar, das sie hier besuchte, ist eines Abends nochmal ins Dorf gefahren. Sie blieb lieber hier, allein, wie sie es nun immer sein wird. Etwas ist zwischen sie und den Rest der Welt getreten: kühl, glatt, mit den Augen nicht wahrnehmbar und doch undurchdringlich - die Wand.

Die Wand, dieses ungeheure, spektrale, absurde und zugleich beängstigend plastische Objekt, das sowohl den erhabenen als auch beklemmenden Filmraum und die Welt von Marlen Haushofers gleichnamigem Roman definiert, ist die Materialisierung einer seelischen Grenze, die die Hauptfigur, beherrscht und zurückgenommen verkörpert von Martina Gedeck, vom ersten Moment an von den übrigen Menschen trennt, lange bevor sie es physisch tut. Den Tagesablauf vor dem Einsetzen der Veränderung beschreibt die Icherzählerin als ganz alltäglich ohne beunruhigende Auffälligkeiten. Gerade in dieser vermeintlichen Gewöhnlichkeit zeigt sich das Abnorme der Protagonistin. Sie redet nicht und bleibt affektlos, noch bevor das titelgebende Sinnbild in kühlen und stummen Waldszenen, die bisweilen an spätromantische Gemälde einer anachronistischen Eremitin erinnern, greifbar wird.

Ausführlich berichtet sie von der Trauer um Luchs, ihren Hund und Perle, das Katzenjunge. Niemals berichtet sie von der Trauer um Menschen. Das befreundete Ehepaar bleibt so unbedacht von jedem Verlust- oder Trauergefühl, als wären sie schon immer starre Wachsfiguren auf der anderen Seite einer unsichtbaren Mauer gewesen. Luise findet niemals Erwähnung, Hugo nur als ein Hypochonder, dessen Vorsorgewahn die Frau ihre Vorräte verdankt. Mehr Charakterprofil als er besitzt sein Hund, den sie niemals Hund nennt, sondern bei seinem Namen: Luchs. Das Tier, das ihr am nächsten ist, heißt nach einem anderen Tier, als sei ein menschlicher Rufname schon zu viel des Menschlichen. Die Eigennamen und ihre Verwendungsweise machen die Tiere zu individuellen Gefährten; einen Rang, der den Mitmenschen verwehrt bleibt. „Wir waren zu viert", sagt die Schreiberin von sich, dem Hund, der Kuh und der Katze, während sie von den Eheleuten und sich selber nie als Gruppe spricht.

Wer sie waren, was sie emotional mit der Protagonistin verbunden haben mag, bleibt dunkel. Vielleicht, weil es ihr selbst dunkel war. Man erfährt nur ihre trennende Eigenschaft, die der greifbaren Sezession voran geht: dass sie Jäger waren. Menschen, die zum als Sport und zum Spaß betreiben, was ihr tiefe Abscheu bereitet: das Töten. Nur ein einziges Mal geht es ihr leicht von der Hand, was ihr gegenüber Wild und Raubtieren ein grausames Unrecht scheint. Dieser dramaturgische Schlüssel ist der letzte, den es braucht, um das allegorische Rätsel zu erschließen. Die Erzählerin ist selbst ihre eigene Kerkermeisterin, unfähig eine unbewusst selbst gezogene Trennlinie zu überschreiten wie die Abendgesellschaft in Luis Bunuels Würgeengel. Anders als Bunuels Figuren aber widersetzt sie sich nicht einmal oberflächlich der Einkerkerung. Es gibt keinen Ausbruchsversuch, keinen Versuch die Wand gewaltsam zu zerstören, nur ein gemessenes Abschreiten des Käfigterrains.

Jeder andere ist in diesem Mikrokosmos ein Eindringling, ein Fremdkörper, der an diesem Ort nichts zu suchen hat. Als solchen betrachtet sie sich selbst, das verrät ihre Verbundenheit zu Perle und einer weißen Krähe. Perle muss sterben, weil die hochgezüchtete Angorakatze der ursprünglichen Wildnis zuwiderläuft. Die Albino-Krähe, keine Laune der Menschen, sondern der Natur, wird zum sinnbildlichen Seelenvogel der Protagonistin: "Ein trauriges Unding, das es nicht geben dürfte. Sie weiß nicht, warum sie ausgestoßen ist. Immer wird sie eine Ausgestoßene sein."

(Lida Bach)

Fotos (C) Studiocanal

Bisherige Kommentare

(Anzeige: 1 von insgesamt 1)
Von: wignanek-hp am: 18.02.12
Die Kritik der Rezensentin geht an der Intention des Filmes vorbei. Die Hauptperson, wie wir sie am Anfang des Filmes erleben, ist stilistisch stark reduziert, was nichts über ihre sogenannte emotionale Kälte aussagt, sondern vielmehr etwas darüber, zu welchem Zeitpunkt die Geschichte erzählt wird, nämlich aus der Rückschau nach zwei Jahren. Dass die Hauptperson zu diesem Zeitpunkt kaum mehr eine Beziehung zur Menschenwelt hat, ist verständlich, auch ihr sehr starker Bezug zu ihren Tieren, vor allem zu ihrem Hund Lux. Die Tiere sind ihre Begleiter geworden, von ihnen hängt ihre Existenz ab, ihre materielle, aber vor allem auch ihre emotionale. Ihr Handeln am Ende des Filmes, das isoliert als roh und herzlos erscheinen mag, ist in diesem Zusammenhang durchaus verständlich. Da erscheint plötzlich ein Mensch, der ihre ganze Existenz bedroht, von der wir durch die Erzählerin wissen, wie fragil sie ist. Sie wehrt sich mit den Mitteln, die ihr zur Verfügung stehen. Die normalen Regeln der Zivilisation sind hier längst außer Kraft gesetzt. Man könnte von archaischen Zuständen sprechen, in denen nur noch das Überleben und hier vor allem das emotionale zählt. Nur die großartige Martina Gedeck kann so eine stumme Rolle mit einer derartigen Wucht mit Leben füllen, dass die Geschichte über neunzig Minuten trägt. Ein wahrlich großes Filmerlebnis!

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