12 10/02

Die Kinder vom Napf

Drei Lichter glimmen, drei kleine Lichter in der Dunkelheit. "Nina!", ruft die Stimme eines kleinen Mädchens. "Carolin!", hallt eine Kinderstimme aus der Finsternis zurück. Und wieder lösen sich kreisrunde Lichter aus der Schwärze, zwei dieses Mal, und gesellen sich zu den anderen. Das Rufen klingt nicht angstvoll, sondern wie das Normalste auf der ganzen Welt für die jungen Protagonisten in Alice Schmids Dokumentarfilm Die Kinder vom Napf.

 

Das Dunkel um sie herum, von dem das Dunkel des Kinosaals abgelöst wird, ist nicht das der Nacht, sondern des anbrechenden Tages. Wenn die Titelfiguren der Reportage eines Jahreskreislaufs auf dem Berg morgens zur Schule gehen, ist es noch finster. Das Leuchten auf dem 10 Kilometer langen Weg zum Unterricht ist das ihrer Taschenlampen. 50 Bergbauernkinder hat die Regisseurin und Autorin in der Gemeinde Romoos im Schweizerischen Kanton Luzern durch das Jahr begleitet. Die dunkelgrünen Zweige der Tannen biegen sich auf dem hünenhaften Felsmassiv unter der Schneelast, der Raureif malt Ornamente an die Fenster. Aus ihnen schauen die Kinder, wenn die Seilbahn sie zur Dorfschule bringt, und an ein solches Fenster schreiben unsichtbare Kinderfinger den Titel des Eröffnungsfilms der Reihe "Berlinale Generation".

Die überschaubare Welt der Kinder vom Napf, wohin die Reportage die Kinder aus der kalten Großstadt versetzt, scheint wie aus der Sagenwelt von Rübezahl und Schatzkegelspiel. Eine Märchenwelt ist es wohl auch, die Schmid für sich konstruiert und das Kinderpublikum, dem das Leben hoch droben als lockendes Dorf-Idyll dargestellt werden soll. "Gut gemacht, Lenzi", lobt eine der unbedarften Kinderprotagonisten ihre Lieblingskuh, zu deren Füßen zwei neugeborene Kälbchen liegen. "Sie hat wieder Zwillinge bekommen. Ich hatte Recht!" Ein festlicher Laternenumzug leitet die Kamera zur Kirche, wo ein Chor vor versammelter Gemeinde "Stille Nacht, heilige Nacht" singt. Kirchenmusik untermalt, wie sich die Kinder am Feuer wärmen. Und an Glaube und Tradition, für die Schmids anheimelnde Bilder zuerst subtil und dann immer deutlicher bis zum Plakativen werben.

Die Nachrichten aus einem alten Radioapparat berichten, ein in der Gegend Schafe reißender Wolf sei zum Abschuss freigegeben: "Ich würde nicht sagen, dass es hier nicht gewollt ist. Aber gibt es überhaupt Platz für es?" Nein, es gibt keinen Platz in der malerischen Naturvignette für die problematischen Aspekte und Konflikte wie etwa Religionsdruck, Konservativismus oder Gemeinschaftszwang, die in kleinen Gemeinden wie jener auf dem Berg so verbreitet sind. In der Schule werden Plätzchen gebacken, es gibt Musikunterricht, keine überfüllten Klassen und die Lehrer sind immer freundlich und haben für alle Schüler Zeit. Fußballspielen auf dem Pausenhof, sachkundiges Lernen an der Kohlegrube, Wanderungen auf den Bergkamm, von wo der Lehrer der Klasse die benachbarten Gemeinden und Wohnorte der einzelnen Schüler zeigt.

Dahinter endet die Welt für Die Kinder vom Napf - auf dokumentarischer Ebene, die ihrem Sujet durch die halb weihevolle, halb volkstümelnde Verbrämung nicht gerecht werden kann. Wer glaubt, dass es hier oben nicht auch cool zugehen könne, sieht, dass man im Sommer zwischen Kühen, Kätzchen und Küken auch Judo machen, Traktor fahren, im Bergwasserfall baden und mit spannendem Erwachsenenwerkzeug wie Schlaghammer und Gasbrenner hantieren kann. Und da hängt auch schon wieder eine Kugel am Baum - dem Christbaum zum Christfest, an dem das Christkind der Christgemeinde Gaben bringt - bevor die Kamera ein letztes Mal über die majestätischen Gipfel und Wipfel schwenkt.

(Lida Bach)

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