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Der Preis

Wenn in ostdeutsche Plattenbauten die "Mediterranisierung des Wohnens" Einzug halten soll, dann weiß man zumindest eins: Der Architekt, der diesen Plan verfolgt, hat von den Bedürfnissen der Menschen vor Ort keine Ahnung. Merkwürdig nur, dass der Mann mit den hochfliegenden Ideen die Verhältnisse in Elke Haucks präziser Alltagsstudie einmal sehr genau kannte. Nämlich vor mehr als 20 Jahren.

Die aus dem sächsischen Riesa stammende, seit langem in Berlin lebende Regisseurin hat ein gutes Gespür für realistische, genau beobachtende Skizzen. In ihrem Spielfilmdebüt Karger (2007, Preis des saarländischen Ministerpräsidenten beim Max-Ophüls-Festival) sezierte sie das Leben in der Stadt ihrer Jugend zwischen Arbeitslosigkeit Deindustrialisierung, persönlichen Neuanfängen und fragilen Suchbewegungen. Der Preis erzählt nun ebenfalls von unterschiedlichen Lebensläufen in einer ostdeutschen, diesmal thüringischen Kleinstadt. Allerdings aus der Perspektive von einem, der auszog, um in Frankfurt am Main Karriere zu machen. Und nun wider willen zurückkehrt.

Alex (Florian Panzner) ist ein erfolgreicher Architekt, der auf die Vierzig zugeht. Seine Frankfurter Firma hat den Architektenwettbewerb gewonnen und will die Plattenbauten zum Teil abreißen, zum Teil modernisieren. Weil es Probleme mit den Mächtigen vor Ort gibt, soll Alex nach dem Rechten sehen. Aber die Reise in seine Heimatstadt ist ein Weg mit Hindernissen. Regungslos und scheinbar grundlos sitzt er wenige Kilometer vor dem Ziel im Auto. Danach baut er sogar einen Unfall. Aber es hilft nichts. Die Gespenster der Vergangenheit warten mit offenen Armen. Sie lassen sich auch mit Alkohol nicht vertreiben. Selbst das Zimmermädchen, das am Morgen nach der Ankunft die Bierflaschen wegräumt, ist eine ehemalige Klassenkameradin. Sie hat noch immer ein Auge auf Alex geworfen. Der wiederum möchte seine Jugendliebe Nicole (Anne Kanis) wiedersehen. Mit ihr und ihrem verstorbenen Bruder verbindet ihn eine ebenso aufbruchsselige wie tragische Geschichte aus der politisch aufregenden Vorwendezeit.

Elke Hauck erzählt die Wiederkehr einer verdrängten Jugend in einem unemotionalen, leicht depressiven Stil. Nur die Rückblenden strahlen Farbe und Leben aus, die Gegenwart dagegen scheint geprägt von einer Schuld, die sich nicht mehr gutmachen lässt. Alex ist offenbar einer, der zu spät kommt. Ihn hat das Leben mit beruflichem Glück belohnt, aber ansonsten wohl bestraft. Selbst die Aussprache mit der Jugendliebe Nicole, das Eingeständnis seines Verrats an ihrem Bruder, bringt keine wirkliche Erleichterung.

Die desillusionierte Haltung ist realitätsgerecht, verweigert sich aber bewusst einer spielfilmüblichen Dramaturgie. Elke Hauck spart Gefühlsregungen aus oder entschärft sie. Wenn Alex sich etwa mit seinem Bauleiter besäuft und die beiden Männer ausgelassen durch den Bürocontainer hüpfen, dann geht die Kamera auf große Distanz, zeigt das nächtliche Geschehen lediglich von außen durchs Fenster. So nimmt der Film eine ähnlich abgestumpfte Beobachterposition ein wie sein Protagonist. Mit dem bedauerlichen Ergebnis, dass das eigentlich dramatische Geschehen den Zuschauer nicht wirklich berührt. So bleibt am Ende der Eindruck eines solide gemachten Films mit einer erzählenswerten Geschichte, die sich aber nicht zu einem echten Highlight formt.

(Peter Gutting)

Fotos © Michael Kotschi

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