Death for Sale
11. Februar 2012
"Ich genese schnell", lächelt Malik. Doch es gibt Wunden, die nicht so leicht verheilen wie der Kratzer aus einer seiner Auseinandersetzungen. Immer wieder geraten seine Freunde Allal (Mouhcine Malzi), Soufiane (Fouad Labiad) und er in sie, doch die Verletzungen, unter denen die drei Freunde leiden, tragen sie vor allem in der Seele.

Jeder Tag sei ein Feiertag für sie, sagt Allal, als sie am Strand ihrer marokkanischen Heimatstadt zusammensitzen. Es ist der letzte gemeinsame Moment, bevor die persönlichen Konflikte der Charaktere in einem finalen Akt gipfeln. Die Schatten des Noir werfen darüber ungute Vorzeichen und verleihen dem Thriller seine ebenso eigenwillige wie reizvolle Atmosphäre.
Wenn die Rechnung aufgeht, wird es danach immer so sein, verspricht Allal. Doch die Rechnung geht niemals auf für Verzweifelte wie sie an einem Ort wie dem verarmten Tetouan, dessen kühles Klima zu glühen scheint vor schwelender Gewalt und Verbrechen. Beides sind die zentralen Triebe, die sie unerbittlich ihrem Verhängnis entgegen hetzen lassen, und wenn die Freunde nicht dem einen nachgeben, müssen sie dem anderen seinen Lauf lassen. "Man gibt uns gerade genug, um uns nicht verrecken zu lassen", sagt Malik (Fehd Benchemsi), der mit seiner Schwester Aouatif (Nezha Rahil) bei seinem Onkel lebt. Nach dem Tod ihres Vaters führt der Onkel dessen Bäckerei. "Das waren die guten Zeiten", erinnert sich Malik voller Bitterkeit an das florierende Geschäft, das sein Onkel nach dem Tod des Bruders heruntergewirtschaftet hat.

"Wenn du dein Leben lang ein Hühnerdieb sein willst, werde ich dich nicht daran hindern", sagt Allal zu Malik, mit dem er Größeres vorhat. "Hühnerdiebe, Hühnerdiebe", wiederholt er monoton die Beleidigung der Türsteher, von denen sie aus einem edlen Club geworfen wurden. Beim Ausgehen, auf der Straße, im Haus ihrer Familien, wo sie noch immer leben - überall scheinen sie Ausgestoßenen, die eine unsichtbare Grenze vom Vergnügen der anderen trennt. Die einzige Gemeinschaft, an der sie teilhaben, ist ihr Dreierbund. Dessen einst unzerbrechliche Bande sind längst brüchig - nicht weil Malik und seine Gefährten in ihrem Wesen zu verschieden sind, sondern weil sie einander zu sehr gleichen. Das Sehnen nach jener von Anfang an unerreichbaren Lebensfreude verbirgt sich hinter ihrem kriminellen Streben nach Geld, mit dem sie all die Vergnügungen kaufen zu können glauben. Verkörperung dieser Vorstellung eines käuflichen Glücks ist Dounia (Iman Mechrafi).
Um die Prostituierte aus dem Gefängnis frei zu bekommen, lässt er sich mit dem korrupten Inspektor Dabbaz (Faouzi Bensaidi) ein, der die Drogenschmuggler ins Visier gefasst hat. Im Drogengeschäft sieht Allal, der älteste der Freunde, dessen Jugend bereits vorüber ist, seine Zukunft. In seiner Verachtung für Dounia liegt verleugnete Eifersucht für deren wortlose Verbundenheit mit Malik. Der von Dabbaz unter Druck gesetzte Polizeispitzel findet sich zerrissen zwischen seiner Liebe zu Dounia und seinen Freunden, von denen Soufiane mit seinen 18 Jahren der Jüngste und zugleich aggressivste ist. "Wenn ihr nicht nur Kinder wäret...", droht ein islamistischer Kämpfer einer Gruppe Jugendlicher, die Soufiane bei einem Handtaschendiebstahl stellen und foltern. Doch es gibt nichts Kindliches oder Unschuldiges in dem ungeschönten Thriller, der hintergründiger ist als es der reißerische und zum Plot kaum einen Bezug aufweisende Titel Death for Sale vermuten lässt.
Töten ist nur eine Umständlichkeit. Etwas, das entsorgt wird wie die Leiche, die die kriminellen Geschäftspartner Maliks in einen Abgrund werfen, nicht unähnlich dem, an dem der in die Enge Gedrängte schließlich steht. Über ihm schwebt der melancholische Titelsong, der die seelische und physische Gefangenschaft der Figuren in einer Mischung aus Liebeslied und grausam-süßer Elegie beschwört: "Don't tell me that I am free..."
(Lida Bach)









