12 11/02

Beziehungsweisen

Das Kino ist der perfekte Hort für Schaulustige. Im Dunkeln sitzend mit einer diffusen Menge weiterer "Gaffer" ergötzt man sich an Geschichten anderer und hat Spaß am ultimativen Voyeurismus. Dabei ist es ganz gleich, ob die Geschichten echt sind oder auch eben nicht. Calle Overwegs Beziehungsweisen macht genau jene Schaulust sichtbar, doch nicht ohne sie gleichzeitig auch zu befeuern und gar zu zelebrieren.

Sein Film ist eine gespielte Dokumentation, eine Versuchsanordnung im dunklen Raum eines Filmstudios. Im Hintergrund sind Crew und Equipment zu sehen. Schon hier bricht der Film mit der kinematographischen Illusion und referenziert sich selbst. Doch auch die Schaulust des Publikums wird offen verhandelt. Beziehungsweisen ist ein Experiment. Sechs Schauspieler mimen jeweils drei Paare in verschiedenen, problembelasteten Stadien einer Beziehung. Es wird geliebt, gehasst, sich geängstigt, sich missverstanden. Ihnen gegenüber sitzt eine echte Psychotherapeutin, die um die Inszenierung weiß und die die ihr präsentierte Geschichte zu analysieren versucht.

Die Paare spielen eine Geschichte, die TherapeutInnen sich selbst. Und der Zuschauer kann beiden lustvoll dabei zusehen. Zwischendurch inszeniert Overberg mit den Schauspielern noch minimalistische Szenen, in denen sie Schlüsselaugenblicke der Beziehung noch einmal nachspielen. Dabei arbeiten die Schauspieler nach der alten Tradition des epischen Theaters und nehmen den Spielszenen ganz bewusst ihren Realismus. Und auch die Therapiesitzungen werden ab und zu von Fragen des Regisseurs oder den Darstellern selbst unterbrochen. Metaebenen werden eingebaut, die Schauspieler fragen die TherapeutInnen, ob sie die jeweilige Geschichte auch gut dargestellt haben, der Regisseur erkundigt sich nach dem Innenleben der TherapeutInnen. Der Therapieprozess wird freigelegt.

Es macht großen Spaß, dieses Filmexperiment zu verfolgen. Die Brechungen der Konventionen, seien es die des Films, des Theaters oder sogar die der eigentlich intimen Paartherapiesitzungen, sorgen für mehr als nur einen doppelten Effekt. Zum einen macht es Spaß seinem Voyeurismus zu folgen und intimste Konflikte präsentiert zu bekommen (nicht anders funktionieren viele TV-Formate), zum anderen ist es lustvoll und überaus anregend, immer wieder dabei unterbrochen und hinterfragt zu werden. Overweg zwingt den Zuschauer zu einem permanenten Wechsel aus passivem Konsumieren und aktiver Selbstwahrnehmung sowie permanentem Hinterfragen, ohne dabei allzu kopflastig zu werden und den Spaß zu verderben.

Damit schafft er auch etwas, was man dem deutschen Kino ja eher selten zutraut: Er hat einen spannenden, unterhaltsamen, intelligenten und vor allem sinnvollen Film gemacht, der sich von der Masse ganz eindeutig abhebt.

(Beatrice Behn)

Fotos (C) Calle-Overweg-Filmproduktion

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