Beziehungsformeln auf dem Prüfstand

13. Februar 2012

Partnerschaften, die ein Leben lang andauern, sind heutzutage echte Mangelware. Die Gründe hierfür sind vielfältig, reichen sie doch von einem zunehmenden Trend zur Individualisierung über das Ende vom Abhängigkeitsverhältnis zwischen Frauen und Männern bis hin zur Enttabuisierung von Trennung und Scheidung. Das Resultat ist, dass viele Menschen mehrere, immer wieder scheiternde Beziehungen eingehen, die im ungünstigsten Fall nicht mal an das Mindesthaltbarkeitsdatum einer Konservendose heranreichen. Daher verwundert es auch nicht, dass neben unzähligen literarischen Ratgebern zum Thema glückliche Liebesbeziehungen sich natürlich auch Filme mehr und mehr damit beschäftigen - so geschehen beim aktuell laufenden Berlinale-Forum.

Während viele Probleme durch intensive Bearbeitung überwunden werden können, zählt häusliche Gewalt sicherlich weniger dazu. Das hat auch die Figur Magdalena im Film Spanien von Anja Salomonowitz erkannt, weshalb sie ihre Ehe mit dem Ordnungsbeamten Albert gleich zu Beginn des Films beendet. Albert, der schon aus Berufsgründen einer Kontrollsucht verfallen ist, stellt Magdalena nach der Trennung immer wieder nach, durchsucht ihre Wohnung, lauert ihr auf und bedroht sie. Doch auf die quälende Frage, warum er ihr nicht das geben kann, was sie braucht, findet er keine Antwort. Neben der Tatsache, dass wohl jede Frau die Flucht ergreift, wenn sie von ihrem Mann mit kochend heißem Wasser verbrüht und entstellt wird, versteht Albert nicht, dass es Freiheit ist, die Magdalena sucht. Und die findet sie nun praktisch überall, nur nicht bei ihm.


Spanien von Anja Salomonowitz

Dass Beziehungen sich niemals durch Anwendung von Gewalt reparieren lassen, scheint auch der Protagonist aus Everybody in Our Family (Toată lumea din familia noastră) nicht begriffen zu haben. Alles fängt ganz harmlos an, als Marius seine kleine Tochter Sophia bei seiner Exfrau Ottilia abholen will, um mit ihr in die Ferien zu fahren. Als sich Ottilia allerdings querstellt, weil die Kleine krank ist, artet das Szenario völlig aus und entwickelt sich zu einem Familien- oder auch Geiseldrama. Hier wechseln sich Hass- und Liebesbekundungen im Minutentakt ab und man fragt sich unweigerlich, was zwischen diesen beiden Menschen geschehen ist, die einmal ein Kind in die Welt gesetzt haben und nun ist nichts weiter übrig als Gewalt, Verzweiflung und Beschimpfungen im bösartigsten Jargon.

Unbedingt glücklich läuft es für Nina und Ben in Formentera von Ann-Kristin Reyels auch nicht. Ihr gemeinsamer Urlaub bei Freunden auf den Balearen dient zwar als Rettungsversuch ihrer Beziehung, allerdings treten hier in liberaler Hippieatmosphäre die Probleme erst richtig in den Vordergrund und viele unterschiedliche Erwartungen kommen plötzlich auf den Tisch. Nina ist zufrieden mit ihrem Leben in Berlin, aber Ben will sich lieber auf Formentera selbstständig machen. Außerdem macht ihm die freizügige Strandmasseurin Mara schöne Augen und Ben scheint nur schwer widerstehen zu können. Zum Eklat kommt es schließlich, als Mara spurlos verschwindet und Ben seine Freundin sogar des Mordes verdächtigt. Es sei so viel verraten, dass die Überwindung von Problemen mittels konstruktiver Kommunikation in „Formentera" eher hinten ansteht und dass dies den Film in Verbindung mit der zum Teil unterirdischen Schauspielleistung - sagen wir mal - gewöhnungsbedürftig anmuten lässt.


Formentera von Ann-Kristin Reyels

Aber kann man seine Beziehung vielleicht auch bis zum Exitus dialogisch auseinanderdröseln? Paartherapien sind in den vergangenen Jahren immer beliebter geworden und daher auch zentraler Gegenstand von Calle Overwegs Mockumentary Beziehungsweisen. Drei verschiedene Paare führen ihr jeweils individuelles Problem in einer Art Theaterkulisse vor und nehmen zwischendurch immer wieder Platz gegenüber echten (!) Beziehungstherapeuten. Zwischen Herrmann und seiner Freundin kriselt es, weil Dorothea sich in einen Arbeitskollegen verliebt hat; Amelie ist schwanger von Heiko, der hat allerdings mit Verantwortung und Treue ein großes Problem und bei dem ältesten Paar Eva und Siegfried ist schon seit Jahren das Schlafzimmer eiskalt. Während in manchen Sitzungen die streitenden Paare durchaus ernst zu nehmende Ratschläge und Hilfestellungen bekommen, ernten beispielsweise Herrmann und Dorothea zumeist aber nur verständnisvolles Nicken von einer sichtlich überforderten Therapeutin. Beziehungsweisen ist zwar fiktional, beschreibt jedoch sehr authentisch, dass Paarprobleme sich nicht über Nacht lösen lassen oder manche Konflikte sogar, so schmerzlich das auch klingen mag, für immer ungelöst bleiben. Die vermutlich unbeabsichtigte Botschaft des Films ist aber, dass ein Beziehungstherapeut sorgsam ausgewählt werden sollte, sofern man sein Geld nicht mitsamt seiner Partnerschaft zum Fenster rauswerfen will.

Für Unverständnis, Irritation aber auch viele Lacher seitens des Publikums sorgte schließlich gestern die Weltpremiere von What Is Love. Ruth Maders Dokumentarfilm fokussiert fünf verschiedene Beziehungstypen, in denen neben dem Standard-Familienmodell ebenso ein Geistlicher oder eine Singlefrau porträtiert werden. Während letztere scheinbar das frische Babyglück ihrer Schwester beneidet, macht What Is Love aber genauso deutlich, dass es auch in langjährigen Beziehungen immer wieder zu Konfrontationen kommt und dass viele Eheleute sich eigene Strategien überlegen müssen, um damit fertig zu werden. In einem Fallbeispiel diskutiert das Paar relativ strukturlos über die gemeinsame Zeit mit der Familie, anderswo probieren es zwei Eheleute lieber mit "aktivem Zuhören", einer weit verbreiteten psychologischen Wunderformel. Das Ergebnis ist ein sich vor Lachen ausschüttendes Publikum und ein Ehemann, der sich für seine Frau öfter mal im Anzug öffentlich zeigen sollte, nun aber sich völlig ihrem Willen unterwirft und wie ein Waschlappen dasteht.


What Is Love von Ruth Mader

Bemerkenswert ist an What Is Love, dass Mader kaum mit Dialoganweisungen arbeitete und die Protagonisten tatsächlich bereit waren, ihr Beziehungsleben ungeschönt und schnörkellos vor die Kamera zu bringen. Noch erstaunlicher sind allerdings so manche Wortbeiträge in der anschließenden Diskussion mit der Regisseurin. Während ein Zuschauer die Banalität des Films moniert, hört man aus einer anderen Ecke die empörte Anschuldigung: "Ich dachte, der Film würde zeigen, was Liebe ist, aber stattdessen zeigt er ja, was sie eben genau nicht ist!" Hatten manche Zuschauer ernsthaft erwartet, dass What Is Love Paradebeispiele für glückliche Beziehungen liefert? Ruth Mader wollte, wie sie selbst sagt, "normale Menschen" zeigen und das schließt nun mal Probleme mit ein, auch wenn es offensichtlich den Kinderglauben mancher Zuschauer untergräbt. Kurt Tucholsky hatte schon Recht, als er mit seinen Zeilen "Es wird nach einem Happy End im Film jewöhnlich abjeblendt", die beliebte Schlussstrategie vieler Hollywood-Romanzen in Frage stellte. Und ähnlich lautet wohl auch der Konsens der Beziehungsfilme des diesjährigen Berlinale-Forums: Eine Patentlösung gibt es nicht. Wirklich nicht.

(Alina Impe)

Mit freundlicher Genehmigung

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