Berlinale-Leiter Dieter Kosslick im Interview: "Kritik gehört zum Job"
10. Februar 2012
Die 62. Berlinale bietet in diesem Jahr rund 400 Filme in sechs Sektionen und zahlreichen Sonderreihen. Für Dieter Kosslick (63), mittlerweile im elften Jahr Leiter der Festspiele, beginnt darüber hinaus eine weitere Amtszeit. Wir haben uns mit dem Festivaldirektor über die diesjährigen Schwerpunkte des Festivals, seine verlängerte Dienstzeit und die Rolle des Kinos als sozialen Raum unterhalten.
Herr Kosslick, im Wettbewerb der 62. Berlinale finden sich mit Christian Petzold, Matthias Glasner und Hans-Christian Schmid drei Stammgäste der hiesigen Festspiele. Welche Rolle spielt der deutsche Film im internationalen Arthouse-Kino?
Deutsche Filmemacher haben sich etabliert und gewinnen seit Jahren internationale Preise. Nicht nur bei der Berlinale, auch andere Festivals zeichnen Filmemacher wie Fatih Akin, Andreas Dresen oder Tom Tykwer aus. Christian Petzold, Matthias Glasner und Hans-Christian Schmid haben schon früh ihre Filme bei der Berlinale gezeigt, als sie noch zum filmischen Nachwuchs gehörten. Dass wir sie jetzt alle drei mit ihren neuen Werken im Wettbewerb haben, bestätigt ganz wunderbar die Philosophie unseres Festivals: Neuentdeckungen zu machen und deren Werk zu begleiten.
Wohin bewegt sich das internationale Arthouse-Kino? Gibt es Trends, die sich im aktuellen Berlinale-Programm erkennen lassen?
Es gibt zwei Tendenzen: Dokumentarische Themen nehmen Einfluss auf fiktionale Filme. Manche Spielfilme wirken wie Dokumentarfilme und umgekehrt. Das zeigt sich zum Beispiel im Panorama am Spielfilm Diaz - Don't Clean Up This Blood über den G8 Gipfel in Genua. Und das Experimentieren mit Genres lässt sich beobachten. Die Filmemacher haben Lust eigene Variationen von Genrefilmen zu machen. Auch der Wettbewerbsfilm Dictado spielt mit Genrekonventionen des Psychothrillers.
Im letzten Jahr spielte die Finanzkrise auch auf der Leinwand eine Rolle. Erinnert sei an Margin Call, der Ende 2011 auch den Weg in die Kinos fand. Wie wirkt sich die Krise auf die Filmkunst aus?
Wenn es Krisen im echten Leben gibt, dann ist es meist nur eine Frage der Zeit, bis auch das Kino das Thema und die Folgen der entsprechenden Krise aufgreift. Das war bei Margin Call der Fall. Übrigens: Der Regisseur J. C. Chandor wurde gerade zum besten Nachwuchsregisseur in den USA gewählt.
Zu den Themen, die die Berlinale-Filme aufgreifen: Rechtsextremismus und Migration sollen zentrale Rollen spielen. Was können Sie uns dazu sagen?
Persönliche und politische Umbrüche spielen eine Rolle, dabei sind auch Migration und Rechtsextremismus Themen. Viele auch dokumentarische Filme zeigen das Geschehen - z. B. des so genannten "Arabischen Frühlings" aus der Sicht der Betroffenen.
Welche Rolle spielen Filmfestivals? Heute und in Zukunft?
Filmfestivals sind eine Plattform für den Film, die Filmemacher, die Filmindustrie. Bei der Berlinale trifft sich die Filmbranche auf einem der drei größten Filmmärkte, das Publikum strömt ins Kino und kauft jedes Jahr knapp 300.000 Tickets. Wir haben so viele unterschiedliche Bereiche, dass es praktisch für jede Art von Film die richtige Plattform gibt. Und dann bekommt ein Film natürlich durch die Teilnahme an einem Festival die Aufmerksamkeit der anwesenden internationalen Presse. Aber Festivals müssen v. a. Lust auf's Kino machen, egal für welche Berufsgruppe.
Seit diesem Jahr kooperiert die Berlinale auch mit dem New Yorker MoMA, wo im letzten Jahr die Filmreihe "Carte Blanche: Dieter Kosslick, der kulinarische Cineast" zu sehen war. Werden Filmfestivals zu Museen für Film? Oder ziehen umgekehrt Filme in die Museen ein?
Es ist doch toll, wenn man Grenzen suchen und neue Formen der Präsentation ausprobieren kann. Wenn dann noch eine so renommierte Institution wie das MoMA an Bord ist, freut mich das sehr. Innovative Wege können auch den Blick erweitern: Unsere Initiative Forum Expanded zeigt, dass neue Wege innerhalb eines so traditionellen und großen Festivals wie der Berlinale sehr erfolgreich begangen werden können. Die Zusammenarbeit mit Galerien und Museen bringt völlig neue Dimensionen in das Festival und für die Filme.
Die Zahl der Programmkinos schrumpft. Sie selbst engagierten sich im letzten Jahr für die Kurbel in Berlin. Was ist zu tun?
Wir müssen immer wieder klar machen, dass es Kino ohne Kinos nicht gibt. Es muss viel mehr auf die Architektur, auf die Möglichkeit der kieznahen Kinos hingewiesen werden. Ähnlich wie beim Kaufladen an der Ecke.
Was geht verloren, wenn das Kino als sozialer Raum wegfällt?
Kino war immer auch ein Raum für Begegnung und für Diskussion. Wenn das Kino als sozialer Raum wegfällt, geht auch die Möglichkeit zur Reflektion verloren. Filme können uns neue Perspektiven zeigen, andere Welten erschließen und uns aufmerksam machen auf bestimmte soziale und gesellschaftliche Situationen. Als Direktor eines der größten Filmfestivals beunruhigt mich natürlich sehr, dass immer mehr Kinos schließen. Bei der Berlinale versuchen wir deshalb unseren Teil dazu beizutragen, um auch den kleinen Kinos die nötige Aufmerksamkeit zu verschaffen. Bei unserer Initiative "Berlinale goes Kiez" werden wir dieses Jahr zum dritten Mal den Roten Teppich für die Kiezkinos und ihr treues Publikum ausrollen. Dabei sind dieses Jahr das Passage Kino, Toni & Tonino, die Hackischen Höfe, das Bundesplatz Kino, das Babylon, das Thalia Potsdam und Filmkunst 66.
Sie leiten seit mittlerweile elf Jahren die Berlinale. Wie hat sich Ihr Beruf in den zehn Jahren verändert?
Die Jagd nach Premieren ist schwieriger geworden. Die internationale Filmfinanzierung und Piraterie haben die Filmstarts verändert. Ansonsten: Business as usual. Aber man hat auch aus Fehlern gelernt.
Wie gehen Sie mit Kritik an Ihrer Arbeit um?
Wenn man ein Festival wie die Berlinale leitet, dann gehört Kritik zum Job dazu. Ich nehme sie ernst und akzeptiere sie. Man muss aber auch wissen, dass man es nicht allen Recht machen kann. Ich wurde stark für den letztjährigen Wettbewerb kritisiert. Jetzt nach sechs Oscarnominierungen von Berlinalefilmen und Kassenknüllern wie Almanya - Willkommen in Deutschland relativiert sich das alles. Aber schön ist es trotzdem nicht.
Sie haben gerade Ihren Vertrag verlängert. Welche Ziele verfolgen Sie bis 2016?
Wir haben in den letzten Jahren einiges angestoßen und gestartet. In den nächsten Jahren wird es darum gehen, zu konsolidieren und weiter auszubauen. Im Bereich der Nachwuchsförderung werden wir z. B. eine weitere Initiative schaffen. Der Berlinale Talent Campus findet dieses Jahr zum zehnten Mal statt und hat in der Zwischenzeit fünf internationale "Außenstellen" gegründet, u. a. in Buenos Aires oder Sarajewo. Die Förderung und Entdeckung neuer Filmtalente ist schon immer Teil der Philosophie der Berlinale. Das soll auch in Zukunft so bleiben. Insgesamt wollen wir das Festival weiter vernetzen. Bei der Berlinale als Wirtschaftsplattform wollen wir den European Film Market weiter ausbauen, der mittlerweile zu den drei größten der Welt zählt.
(Denis Demmerle)
Mit freundlicher Genehmigung:









