11 13/02

Almanya - Willkommen in Deutschland

"Bin ich Deutscher oder Türke?", fragt der sechsjährige Cenk Yilmaz (Rafael Koussouris). Das ist wichtig für ihn, um in der Schule die richtige Fußballmannschaft zu wählen. "Man kann auch beides sein", tröstet ihn seine Cousine Canan (Aylin Tezel), die ganz andere Probleme hat. Sie ist schwanger, und davon wissen ihre Eltern noch nichts. Wie das ist mit der Identität, erklärt Canan ihrem kleinen Cousin anhand der Migrationsgeschichte ihrer Großeltern. Und dieser Erzählung lauscht nicht nur Cenk, sie bildet den Rahmen für den ganzen Film. Mit dem fasziniert lauschenden Jungen springen auch die Zuschauer in die Vergangenheit zurück.

Das Deutschland der Wirtschaftswunderzeit mit seinen gesungenen Werbespots, glücklichen Arbeitern und Hausfrauen, das Zeitalter der endlich wieder vollen Schaufenster lässt sich aus der Sicht einer muslimischen Gastarbeiterfamilie noch einmal ganz neu kennen lernen. Autowaschende Nachbarn, reich geschmückte Weihnachtsbäume und ein verdrecktes Klo zum Draufsetzen - Fatma (Lilay Huser) versteht die Welt nicht mehr, als sie in Deutschland ankommt. Ihr Mann Hüseyin (Vedat Erincin) hat sie und die Kinder nachgeholt, und nun soll sie hier leben, einkaufen, ohne ein Wort zu verstehen?

Was will dieser Verkäufer von ihr? Und wovon handelt dieses merkwürdige Weihnachtslied? Komische Verfremdungseffekte stellen sich ein, wenn das eigentlich Bekannte plötzlich vollkommen absurd erscheint. Denn die Verlorenheit der ersten Gastarbeiter wird durch einen von Charlie Chaplin entliehenen Trick leicht nachvollziehbar: Die Deutschen in Almanya sprechen eine unverständliche Kunstsprache - wie einst Charlie Chaplin in Der Große Diktator. Für Hüseyin und Fatma ist es ein Schock, als auch ihre Kinder beginnen, sich in dieser Geheimsprache zu unterhalten.

Jahre später, sie sind längst selbst Eltern, fahren diese Kinder nur ungern mit in die Türkei. Hüseyin, inzwischen in Deutschland eingebürgert, hat ein Haus in der Heimat gekauft und lädt die ganze Großfamilie ein. Auf dieser Reise kommen Konflikte hoch, brechen alte Streitereien auf - und wird der Zusammenhalt der Familienmitglieder untereinander deutlich. Trotz aller Unterschiede lieben und respektieren sie sich - und auch eine uneheliche Schwangerschaft führt keineswegs zum Ehrenmord, wie es in anderen deutschen Filmen über Muslime so gern gezeigt wird. Tod und Liebe, Familienstreitigkeiten und Generationenkonflikte, das sind die universellen Themen, mit denen die Familie zu kämpfen hat.

Neben aller Dramatik - denn die Schwierigkeiten der Migration werden hier keineswegs heruntergespielt - bietet Almanya genug Anlass zum Lachen. Die Alpträume des Großvaters vor der Einbürgerung, die verzweifelten Versuche der deutschen Nachbarn in den 1960er Jahren, sich verständlich zu machen, stellen die Filmemacherinnen mit viel Humor dar. Dass die Witze manchmal etwas banal geraten, ist verzeihlich - viele gelungene Vorbilder hat Almanya nicht. Denn wie viele Filme nahmen bisher die Gastarbeiterperspektive ein? Großartig, dass das Einwanderungsland Deutschland endlich aus ihrer Sicht gezeigt wird - auch wenn diese Gastarbeiter so angepasst sind, dass eine Rede für Angela Merkel zur Krönung ihres Lebens gerät.

Den Schwestern Yasemin und Nesrin Samdereli ist mit Almanya ein wunderbares Roadmovie gelungen, das mit seinen liebenswerten Charakteren ein klein wenig an Little Miss Sunshine erinnert. Wie in der amerikanischen Familienkomödie sind es auch in Almanya drei Generationen, die sich gemeinsam auf der Reise befinden. Viel mehr passiert nicht in diesem Film: Eine Familie bereitet eine Reise vor, fährt los und erreicht ihr Ziel. Die eigentliche Handlung liegt in der Erinnerung.

Yasemin und Nesrin Samdereli haben gemeinsam an dem Film Alles getürkt und für die Serie Türkisch für Anfänger gearbeitet. Vielleicht daher die unverkrampfte Leichtigkeit, mit der sie die so umfassenden Themen Migration und Identität anpacken. Ein weiteres Plus sind die Gastauftritte von bekannten Schauspielern wie Axel Milberg und Katharina Thalbach.

(Claire Horst)

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