17 14/02

Berlinale 2017: "The Party" von Sally Potter

Die Abgründe, die sich hinter eigentlich ganz harmlosen Zusammenkünften wie einem Abendessen oder einer Feierlichkeit verbergen, waren ja bereits in Oren Movermans The Dinner der Dreh- und Angelpunkt eines Wettbewerbsfilmes. Doch Sally Potters The Party ist in nahezu jeder Beziehung aus einem anderen Holz geschnitzt. 


(Bild aus The Party von Sally Potter; Copyright: Adventure Pictures Limited)

Kurz und prägnant, mit funkelnden Dialogen, aus denen sich die ganzen Verwicklungen ergeben und Figurenkonstellationen entwickeln, ohne dabei auf Rückblenden zurückgreifen zu müssen, dazu eine mobile Kamera, die das theaterähnliche Geschehen durch extreme Flexibilität dynamisiert und dem verbalen wie körperlichen Schlagabtausch einen regelrechten Sog verpassen. The Party ist atemloses Kino, das mit Witz und Intelligenz nicht nur Beziehungen, sondern die ganze Tragik und Komik der englischen Oberschicht wie mit dem Rasiermesser seziert.

Dabei ist schon der Titel so doppelbödig wie all das, was später folgen wird: Eigentlich ist es ein freudiger Anlass, denn die Politikerin Janet (Kristin Scott Thomas) ist gerade zur (Schatten)Ministerin ihrer Partei (englisch: Party) ernannt worden, und um das Ereignis zu feiern, hat sie ihre wichtigsten Freunde zu einer - ja - Party geladen. Warum allerdings ihr Ehemann Bill (Timothy Spall), der sie stets mustergültig unterstützt hat, mit griesgrämig-abwesendem Gesicht im Wohnzimmer hockt, Rotwein trinkt und den Vinyl-DJ gibt, das weiß in diesem Moment noch niemand. Und das ist ganz gewiss auch besser so, denn seine Bemerkung, auch er habe eine Ankündigung zu machen, wird den Reigen aus Verrat, Eifersucht und Hass, der sich im Folgenden entspinnt, den entscheidenden Impuls geben. Wobei das Paar keineswegs das einzige ist, das Probleme miteinander hat: Die Zynikerin April (Patricia Clarkson) etwa ist von ihrem Mann, dem wohlmeinenden, aus Deutschland stammenden "Life Coach" und Schulmedizinverächter Gottfried (Bruno Ganz) und dessen salbungsvollem Eso-Gesäusel schwerstens genervt ("Kitzle einen Aromatherapeuten und zum Vorschein kommt der Nazi" ist eine jener typischen Sottisen, die April in seine Richtung abfeuert), das glückliche Lesbenpärchen Martha (Cherry Jones) und Jinny (Emily Mortimer) ist gleich mit Drillingen schwanger, was nicht nur eine gute Nachricht ist (denn wer weiß schon, ob sich die Embryos nicht vielleicht gar als Jungen herausstellen - oh my god!) und der irrlichternde Investmentbanker Tom (Cillian Murphy) kreuzt nicht nur mit einigen Linien Koks im Haus von Janet und Bill, sondern auch mit einem geladenen Revolver auf. Und den gedenkt er auch einzusetzen. Doch dann kommt natürlich alles anders ...


(Bild aus The Party von Sally Potter; Copyright: Adventure Pictures Limited)

"Eine Komödie mit tragischen Proportionen" nennt Sally Potter selbst ihren Film - und nicht allein hierin erinnert ihr herrliches Werk an die großen Traditionen scharfzüngiger englischer Boulevardkomödien von Oscar Wilde bis Noël Coward. Auch an Woody Allens ältere Werke aus jener Zeit, als seine Bissigkeit noch ausgeprägter war als heutzutage, fühlt man sich erinnert. Trotz dieser Referenzen und den nur auf den ersten Blick antiquiert wirkenden Schwarzweißbildern ist The Party aber kein formal oder erzählerisch rückwärtsgewandter Film, sondern ein ebenso zeitloser wie aktueller Kommentar zum Status quo der sogenannten Eliten des Vereinigten Königreiches, zu ihren Lebenslügen und ihrer moralischen Biegsamkeit. Dass dabei trotz all der allzu menschlichen Schwächen die Sympathien des Zuschauers für diese Menschen niemals verloren gehen, ist das große Mysterium dieses Films und nur eine seiner zahlreichen Stärken. Ein Meisterwerk der Tragikomödie und ein verdammt großer Spaß!

(Festivalkritik Joachim Kurz)

 

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