Berlinale 2017: "On the Beach at Night Alone" von Hong Sang-soo - Berlinale 2017 Blog - kino-zeit.de - das Portal für Film und Kino
17 17/02

Berlinale 2017: "On the Beach at Night Alone" von Hong Sang-soo

Zwei Städte, viele tausend Kilometer voneinander entfernt, spielen im neuen Film von Hong Sang-soo eine wichtige Rolle. Die eine ist Hamburg, die andere Gangneung in Südkorea. In zwei Episoden erzählt On the Beach at Night Alone von der jungen Schauspielerin Young-hee (Kim Min-hee, die zuletzt in Park Chan-wooks Die Taschendiebin eine ganz andere Rolle spielte), die eine Affäre mit einem verheirateten Regisseur in ihrer Heimat begonnen hat und die unter dieser Situation leidet. Deshalb besucht sie eine Freundin in Deutschland, die nach dem Ende ihrer Ehe dorthin gezogen ist, und versucht dort, sich darüber im Klaren zu werden, welche Position sie in dieser Konstellation hat.


(Bild aus On the Beach at Night Alone; Copyright: Kim Jinyoung / 2017 Jeonwonsa Film Co.)

Der Mann, nach dem sie sich sehnt, hatte ihr versprochen, ihr nachzureisen und sie dort in Hamburg zu treffen – doch wird er sein Versprechen auch einhalten? Zwischen Hoffnung und Verzweiflung lässt sie sich durch die fremde Stadt treiben und versucht, sich abzulenken. Später, nach ihrer Rückkehr in ihre Heimat und der mittlerweile erfolgten Trennung, trifft sie auf Freunde und Bekannte und landet schließlich wie zuvor schon in Hamburg an einem Strand, an dem sie eine entscheidende Begegnung haben wird.

In mittlerweile 18 Filmen seit seinem Debüt The Day a Pig Fell into the Well hat der südkoreanische Auteur Hong Sang-soo seinen sehr besonderen Stil gefunden und immer weiter verfeinert. Vertraut man dem Diktum, dass gerade das scheinbar Leichte am schwersten ist, dann müssen die Filme des Regisseur mit dem feinen Humor und der genauen Beobachtungsgabe beim Drehen wahrhaft herkulische Aufgaben sein, so federleicht und natürlich flimmern sie über die Leinwand. In On the Beach at Night Alone widmet sich Hong wieder einmal seinem Lieblingsmilieu (der Filmbranche) und seinem Lieblingstopos (der Unmöglichkeit der Liebe und der Missverständlichkeit in der zwischenmenschlichen Kommunikation) - und wie bereits in seinen letzten Werken tut er das mit unendlich viel Zärtlichkeit und Sympathie für seine Heldin, deren Leiden er niemals dramatisiert, sondern eher beiläufig einfließen lässt. So beiläufig, dass es eine besondere Aufmerksamkeit seitens des Zuschauers verlangt, in all den alltäglichen Dialogen, auf den Spaziergängen und in den Abendgesellschaften die feinen, kleinen Schattierungen, Emotionen und Zwischentöne mitzubekommen, die der Film fein dosiert fallen lässt.


(Bild aus On the Beach at Night Alone; Copyright: Kim Jinyoung / 2017 Jeonwonsa Film Co.)

Ganz nebenbei ist On the Beach at Night Alone aber nicht nur ein überaus intimer, ja fast privater Film, zugleich ist er auch noch persönlicher geraten, als dies sonst sowieso bei Hong schon der Fall ist. Und das hat einen durchaus ernsten Hintergrund: Im Sommer des letzten Jahres hatte es in Südkorea Gerüchte über eine Affäre des (verheirateten) Regisseurs mit seiner Hauptdarstellerin Kim Min-hee gegeben - ein gefundenes Fressen für die Presse, die sich förmlich auf die beiden gestürzt und sie bedrängt hatte, was vor allem für die Schauspielerin überaus unangenehm und teilweise auch bedrohlich für deren Karriere geraten war. Und selbst heute noch gehen die Spekulationen und Verdächtigungen munter weiter. Insofern muss man den Film zumindest auch als Kommentar auf die realen Ereignisse werten, eine Art Verarbeitung vielleicht sogar - und dass in der Filmversion der Regisseur nicht allzu gut wegkommt, macht dieses Kleinod noch sympathischer. Ebenso wie der Gastauftritt des Filmkritikers Mark Peranson, dem man im Berlinale-Palast öfters begegnet und der hier in der Hamburg-Episode einen kleinen Auftritt als Nebendarsteller bekommt.


(Trailer zu On the Beach at Night Alone)

Überhaupt ist On the Beach at Night Alone gleich in vielfacher Hinsicht wieder ein meisterliches Ping-Pong-Spiel geworden: Suff, Liebe und Wahnsinn sowie immer wieder herrlich verdrehte Situationen und eskalierende Gespräche verweisen auf die Vorgängerfilme und bilden gemeinsam mit diesen einen Kanon, ein selbstreferenzielles System, das trotz der scheinbaren Einfachheit einen weit verzweigten und komplexen Kosmos bildet. Und selbst innerhalb des Films entspinnt Hong Sang-soo ein dichtes Geflecht der Kreuz- und Querverbindungen: Die voneinander getrennten Episoden nehmen doch immer wieder Bezug aufeinander, Motive werden aufgegriffen, variiert und weitergetrieben, Gesprächsfetzen aus Hamburg werden später in Südkorea wieder aufgegriffen und durcheinandergewirbelt, so dass sich angesichts dieser improvisierten Spielfreude fast schon automatisch ein Lächeln einstellt, das einen durch diesen Film und den Tag trägt, der draußen auf einen wartet.

(Festivalkritik Joachim Kurz)

 

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