Berlinale 2017: "Millennials" von Jana Bürgelin - Berlinale 2017 Blog - kino-zeit.de - das Portal für Film und Kino
17 18/02

Berlinale 2017: "Millennials" von Jana Bürgelin

Am Anfang tanzen sie miteinander, Anne und Leo. Aber was ist das für ein Tanz, den wir da sehen, durch die Scheibe des Fensters in die Wohnung der beiden? Sie bewegen sich kaum, sie bewegen sich nicht miteinander, so etwas wie Freude ist nicht zu erkennen und fast schlafen sie ein. Anne und Leo sind Gefangene in der Tretmühle des Künstler-Prekariats, das gerne als Bohème schöngeredet wird, aber eher einem Sumpf gleicht, dem man nicht entkommen kann. Jana Bürgelin porträtiert in Millennials eine Generation des Nebeneinanders, der Unverbindlichkeit, des Opportunismus, der Unsicherheit und des Steckenbleibens: Fast episodisch und ganz beiläufig erzählt, mit klarem Blick auf Verhältnisse und Individuen.


(Bild aus Millenials, Copyright: Florian Mag)

Anne Zohra Berrached spielt Anne, sie ist eine erfolgreiche Regisseurin, die an einem Schwangerschafts- und Abtreibungsdrama arbeitet. Vielleicht kommt aus Casting und kurzen telefonischen Besprechungen, die wir hier sehen, irgendwann der Film 24 Wochen heraus, den Berrached tatsächlich als Abschlussfilm der Filmakademie Ludwigsburg fertigstellte und 2016 im Berlinale-Wettbewerb vorstellte ... Was die Wahrhaftigkeit von Millennials, wiederum der Abschlussfilm von Jana Bürgelin, betont, die von dem erzählt, was sie selbst in ihrem Milieu hundertfach beobachtet haben muss.

Leo wiederum ist Fotograf und versucht, einen Job bei einem Magazin zu akquirieren. Versucht, eine Ausstellung auf die Beine zu stellen. Steckt in Beziehungskrisen fest und stößt bei einer ziemlich bekoksten Party chauvinistische Sprüche aus. Erst langsam entwickelt sich um ihn - und um Anne - so etwas wie eine Handlung. Das Sprunghafte des Films, die Unentschlossenheit, etwas zu entwickeln, ist kein Mangel; es ist Jana Bürgelins kluge Entscheidung, den Film so zu erzählen, wie ihre Protagonisten leben. Die tatsächliche Beziehung zwischen Anne und Leo wird nie ganz geklärt; vielleicht waren sie mal zusammen. Vielleicht sind sie WG-Genossen. Vielleicht kennen sie sich nur und reden ab und an miteinander.


(Bild aus Millenials, Copyright: Florian Mag)

Anne jedenfalls spürt die biologische Uhr ticken. Der Wunsch nach Nachwuchs ist erwacht. Doch ein Mann ist nicht in Sicht. Leo wiederum ist ein Schluri, vielleicht ist er so geworden durch die Verhältnisse, in denen er lebt, vielleicht lebt er in diesen Verhältnissen, weil er so ist. Während für Anne Lust, Erotik und Sexualität lediglich in der eigenen Hand liegen, gibt Anna, offenbar Leos Freundin, ihm den Laufpass. Sie kann ihn nicht mitschleppen, kann nicht für ihn sorgen, für sie selbst reicht es ja auch nicht, und er braucht halt jemand, der sich kümmert ... Das mag stimmen. Beim schwulen Kumpel Jan spricht er sich aus. Sucht mit ihm zusammen Connections für eine Fotoausstellung. Irgendwann fotografieren sie sich gegenseitig, herumalbernd, dann in Frauenkleidern, dann in Unterhosen. Irgendwann wird Leo wieder frustriert sein, weil alles nicht klappt und jeder erstmal nach sich selbst sucht. Und nach einem Abstecher zum Straßenstrich hat die Mama am Telefon auch keinen Rat. Währenddessen versucht Anne, ihre Fruchtbarkeit in Prozent beim Frauenarzt zu eruieren. Wobei Prozente wenig bringen ohne potentiellen Vater. Den kriegt man am ehesten durch Schönheit, nach dem Besuch in der Schönheitsfabrik ist sie entsetzt über die angeschwollenen, frisch aufgespritzten Lippen ...

Zwei Storys erzählt Bürgelin, die sich immer wieder kreuzen, die lose zusammenhängen und lose vorwärtsstreben. Die Lockerheit der Dramaturgie macht das Erzählte nur noch authentischer - zusammen mit den Protagonisten, die immer wieder thüringischen und rheinischen Dialekt durchschimmern lassen, haben wir hier das Porträt einer Generation, die verloren ist. Vielleicht, weil sie sich selbst verloren hat und verloren gegeben hat.

(Harald Mühlbeyer)