Berlinale 2017: "Ana, mon amour" von Călin Peter Netzer - Berlinale 2017 Blog - kino-zeit.de - das Portal für Film und Kino
17 18/02

Berlinale 2017: "Ana, mon amour" von Călin Peter Netzer

Dass die gemeinsame Beschäftigung mit Nietzsche zwei junge Menschen an der Uni zusammenbringt, hätte dem Philosophen selbst wahrscheinlich eher weniger gut gefallen. Die heftige Panikattacke, die Ana (Diana Cavilloti) am Ende der Eröffnungssequenz packt und zu Boden wirft, dürfte dem notorischen Phobiker und Propheten des oftmals falsch verstandenen „Übermenschen" hingegen vertraut sein. Zunächst ist Toma (Mircea Postelnicu) noch erschrocken, später aber, wenn die zwei dann ein richtiges Paar sind, stellt sich fast schon so etwas wie Routine ein. Die Attacke, die Ana schüttelt, ist keine Ausnahme, sondern eher die Regel, denn Ana ist psychisch krank - und das wird die Beziehung der beiden in erheblicher Weise prägen.


(Bild aus Ana, mon amour; Courtesy: Berlinale 2017)

Călin Peter Netzer, der 2013 mit seinem letzten Film Mutter und Sohn / Child's Pose den Goldenen Bären gewann, gewährt dem Zuschauer keine Exposition im herkömmlichen Sinne, sondern steigt mitten ins Geschehen ein. Überhaupt erscheint seine Erzählweise recht assoziativ und beinahe willkürlich, bis man bemerkt, dass dies durchaus Methode hat, denn es ist ein psychoanalytisches Therapiegespräch, in dem Toma viele Jahre später auf seine Beziehung zu Ana zurückblickt.

Später werden sich Anas Attacken weiter verstärken, bis sie schließlich nicht mehr in der Lage ist, das Studentenwohnheim zu verlassen, doch Toma hat sich da schon entschlossen, seine Verantwortung für sie ernst zu nehmen. Und auch als Ana schwanger wird, weicht er nicht von ihrer Seite, teilweise nimmt seine Fixierung auf sie selbst schon obsessive Züge an. Um sich Ana und dem gemeinsamen Sohn Tudor zu widmen, gibt Toma seine eigene Karriere auf. Seine Eltern, vor allem sein Vater, reagieren mit Unverständnis. Und auch Anas Familie, deren Konstellation mit einem womöglich übergriffigen Stiefvater, trägt eher zu einer Verstärkung als zu einer Milderung der Krankheit bei. Fast spürt man hier das Unheil, die große Explosion schon heraufziehen, doch dann nimmt der Film eine entscheidende Wendung: Ana gesundet und ist wieder in der Lage, ein normales Leben zu führen, doch statt nun das gemeinsame Leben nach der Überwindung der Krise zu genießen, müssen beide feststellen, dass sie sich auseinandergelebt haben, dass von der großen Liebe, die sie durch die schweren Jahre getragen hat, nichts mehr übrig ist.

Die zerrissene und fragmentierte Erzählweise sowie die Beschränkung auf die Sicht von Tomas auf die Beziehung der beiden macht es nicht gerade einfach, Ana, mon amour zu folgen. Irgendwann stellt sich ein gewisser Überdruss ein, weil man das Gefühl hat, dass Netzer wichtige Entwicklungen nicht hinreichend motivisch absichert, sondern den Zuschauer oftmals einfach hineinschubst, so dass dieser sich erst einmal darin zurecht finden muss. Das nimmt dem Film doch einiges von seiner Wirkung, einen Sog wie Mutter und Sohn zu entwickeln, gelingt hier trotz interessanter Facetten nur ansatzweise. Dennoch spürt man die Wesensverwandtschaft der beiden Filme, erkennt die Handschrift von Călin Peter Netzer, der in seinem Filmen niemals nur seine Figuren auf die Couch legt, sondern stets auch die rumänische Gesellschaft. Hier rückt er vor allem der Generation der Eltern von Ana und Toma auf den Leib und zeigt toxische Familiensysteme zwischen kommunistischer Vergangenheit, patriarchalen Strukturen und dem Aufbruch in die Gegenwart. Und darin erweist sich der Regisseur nach wie vor als Meister. 

 (Joachim Kurz)

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Von: aurel netzer am: 26.02.17
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