Wer einen Eindruck hinterließ - Berlinale 2016 Blog - kino-zeit.de - das Portal für Film und Kino
16 19/02

Wer einen Eindruck hinterließ

Zur Berlinale trifft man auf viele interessante Personen. Diese drei haben mich am meisten beeindruckt. 


(Hier nur mit der rechten Schulter im Bild - die Dirigentin des Roten Teppichs; Copyright: Maria Wiesner)


John Cusack, weil er eine Pressekonferenz umdrehte:

Alles, was Sie über Pressekonferenzen in Filmen gesehen haben, ist wahr: Journalisten sitzen dicht gedrängt, machen selbst aus der letzten Reihe noch unmögliche Bilder mit ihren iPhones und stellen den Stars noch unmöglichere Fragen. Hier nur eine kleine Auswahl aus dem Berlinale-Irrsinn: Sind sie Kommunist? (Von einer russischen Kollegin an George Clooney.) Haben Sie sich auf die Sexszenen gefreut? (An Julianne Moore.) Was halten Sie von der politischen Situation in (bitte einen aktuellen Krisenherd einfügen) und warum engagieren Sie sich nicht dafür? (In jeder zweiten Fragerunde an den jeweils anwesenden Hollywood-Star - französische Arthouse-Filmer müssen sich das seltsamerweise nie anhören.) Umso erfrischender war es in dieser Woche, als John Cusack das Spiel einfach umdrehte. Er sollte gemeinsam mit Spike Lee das Musical-Gang-Drama Chi-Raq vorstellen. Während Regisseur Lee über die neuen Filmtechniken und junge Filmemacher sprach, fiel Cusack ihm plötzlich ins Wort: "Haben Sie eigentlich diesen tollen Film Victoria gesehen?" Lee verneinte, die anwesende internationale Presse rief einstimmig: "Yes!" Danach entspann sich ein fünfminütiger Dialog zwischen Cusack und der Presse, in dem der Schauspieler den deutschen Film in den Himmel lobte und jedes Detail, das ihm entfallen war von einem Journalisten ergänzen ließ. Der Leiter der Berlinale-Pressekonferenzen rutschte schon ungemütlich auf seinem Stuhl hin und her, denn eigentlich sind hier nur Fragen zum aktuellen Film erlaubt, dass aber einer der Stars abschweifte und zu etwas völlig anderem Fragen an die Journalisten stellte, war ihm in seiner Arbeit auch noch nicht so oft untergekommen. 


Meryl Streep, weil sie der entspannteste Hollywood-Star ist:

Über Meryl Streep ist in den vergangenen Tagen schon viel geschrieben worden. Dennoch war ihr Auftritt vor jungen Filmemachern im Hebbel-Theater einer der beeindruckendsten. Warum? Weil es Streep, im Gegensatz zu so vielen anderen Schauspielerinnen, geschafft hat, mit Würde zu altern. "Man kann nicht so lange in diesem Geschäft überstehen und dabei an seiner Eitelkeit festhalten", sagte Streep, auf die Frage, ob sie es bedauere nicht mehr auf Magazin-Covern zu sehen zu sein. Und genau so gelassen und in sich ruhend wirkte sie bei dieser Veranstaltung. Selbst ihr Kleid war leger und schwarz und so unangestrengt, dass man glaubte, sie hätte das am Morgen einfach übergeworfen. Vor diesem Termin wäre mir der Gedanke völlig fremd gewesen, aber hier dachte ich: So möchte ich in dem Alter auch sein; zufrieden mit mir und der Welt. Von all den klugen Gedanken, die Streep an diesem Morgen sagte, war das eine der schönsten Botschaften, die man mitnehmen konnte.


Die Frau, die den roten Teppich dirigierte:

Der rote Teppich ist das reinste Chaos. Die Stars und Sternchen kommen aus drei Richtungen zum Premieren-Palast: Über den Eingang für Fußgänger, über die Auffahrt für Limousinen und dann gibt es natürlich noch die, die aus unerfindlichen Gründen aus einer anderen Richtung kommen, obwohl hier alles abgesperrt und dreifach gesichert ist. An einem Spot treffen sich diese drei Ströme, dort stehen die Fotografen und kurz davor steht ein Kamerateam des öffentlich-rechtlichen Fernsehens. Wenn die Bilder ausgestrahlt werden, sieht man dann kleine Interviews mit den Stars. Dass die aber überhaupt vor die Kamera kommen, organisiert eine einzige Frau. Sie bringt Ordnung in das Chaos, aber Sie haben sie noch nie gesehen, denn sie taucht überhaupt nicht vor der Kamera auf. Sie steht am Rand und scannt die Gesichter der Eintreffenden, die sich in diesen drei Menschenströmen bewegen. Sie filtert heraus wer wirklich wichtig ist - eine beeindruckende Fähigkeit, wenn Sie schon einmal versucht haben, in einer Gruppe Asiaten oder Blondinen das eine bekannte Gesicht zu unterscheiden. Hat sie denjenigen erkannt, springt sie in den Strom, zieht ihn höflich beiseite, dirigiert die restlichen Menschen weiter drumherum, streckt ihre Hand zum Rücken des Moderators aus und streichelt ihn außer Sichtweite der Kameras kurz, um ihm zu bedeuten, dass er mit seinem Interview fertig werden muss, um den nächsten Star vor die Kamera zu bekommen - und dass alles in einer einzigen fließenden Bewegung - reines Tai Chi. Obendrein lächelt diese Frau, nicht aufgesetzt, sondern zufrieden. Obwohl es um die drei Grad sind und ihre Füße in den Stiefelchen längst frieren müssen. Sie über mehrere Stunden zu beobachten ist die reinste Meditation. Eine Person, deren Anblick im Gewusel des Roten Teppichs völlig entspannend wirkt. 

(Maria Wiesner)