16 21/02

"Verfluchte Liebe deutscher Film" von Dominik Graf

Dominik Graf ist ein verzweifelter Fan des deutschen Kinos. Denn was ist der deutsche Film? Gelacktes Publikumseinseifen und oberlehrerhaftes Herumgethese; aber auch Leidenschaft, Energie, Bewegung, Emotionalität, Ehrlichkeit und Wahrheit. Und danach sucht er in diesem Film, den er auf Anregung und zusammen mit Johannes F. Sievert zusammengestellt hat: Verfluchte Liebe Deutscher Film ist ein Essay über das oft vergessene deutsche Genrekino, über publikumsaffines Kino, das Sensationen und Anspruch vereint. Gutes kommerzielles Kino – eine Spurensuche.

(Filmstill aus Verfluchte Liebe deutscher Film (Copyright: Berlinale 2016))

Viele Filmausschnitte, so informiert der Vorspann, konnten wegen Rechteproblemen nicht aufgenommen werden; dennoch voller Filmszenen, durchsetzt mit Filmplakaten kommt Verfluchte Liebe Deutscher Film visuell reichhaltig daher, auch das ein Statement gegen das "normale" Dokumentarschaffen mit wohlgeordneten Kapiteln, klaren Interviewsituationen; Filme, die den Zuschauer bei der Hand nehmen, um ihn durch ihre Ideen zu führen. Bei Graf und Sievert geht es wild durcheinander, und genau so muss es sein. Texteinblendungen treffen Gesprächspartner, Widersprüche werden miteinander kontrastiert, zwischendurch mit Grafs sanfter Stimme verlesene harte Thesen, dann wieder filmwissenschaftliche Einschätzungen des Stands der Dinge.

Wen er da alles vor der Kamera hat: Die üblichen Verdächtigen wie Roland Klick, Klaus Lemke, Rainer Knepperges, auch Mario Adorf und Atze Brauner; ein paar Filmwissenschaftler; auch lange vergessene Regisseure wie Roger Fritz, Wolfgang Büld, Eckhardt Schmidt. Und sogar Werner Enke konnte ausgegraben werden, der mit Zur Sache, Schätzchen zum Star wurde, aber seit Mitte der 1970er Jahre nicht mehr in Erscheinung getreten ist.

Filmhistorisch sieht es so aus: Nach der "Stunde Null" 1945 gab es keine Zäsur im deutschen Kino; Techniker, Schauspieler, Regisseure arbeiteten weiter, mit großem Erfolg. Vergangenheitsbewältigung fand unter sauberen Schminkeschichten statt. Die Oberhausener vollzogen den Bruch mit diesem Kino in den 1960ern – und für Knepperges, Lemke und andere lag darin ein Sündenfall, ein Filmförderungssystem aufzubauen. Es sollte den künstlerischen Autorenfilm schützen – entfremdete das Kino aber auch dem Publikum. Woraufhin wieder eine Gegenbewegung einsetzte, auf die Verfluchte Liebe Deutscher Film abzielt. Roland Klicks Supermarkt oder Deadlock, Rolf Olsens Blutiger Freitag oder Roger Fritz' Mädchen mit Gewalt – von ihnen schwärmt der Film, und ja, man bekommt Lust, diese Filme mal anzusehen.

Es geht um die Körperlichkeit der Deutschen, die im Film hart erarbeitet werden muss; die Sprache, die so am Hochdeutschen, an der künstlichen Bühnensprache hängt. Es geht um den Mut zum Genre, zur Schnelligkeit in der Konzeption. Es geht um all das, was man verbindet mit dem amerikanischen, dem französischen, dem italienischen Genrekino dieser Jahre – Mario Adorf, Peter Berling, Gisela Hahn und viele andere waren gut beschäftigt in den Spaghettiwestern und Krimistreifen, die in Italien gedreht wurden in den 1970ern. Was zu einigen sehr lustigen Kinski-Anekdoten führt und zu einem kleinen Exkurs: Adorf in Filmen von Fernando di Leo. Es geht um die Eigenwilligen im Kino, die immer wieder von den Mitläufern abgesägt werden; es geht um die Infektionsgefahr, die vom Film auszugehen scheint, von Schund und Schmutz, den man überall wittern kann; und um all die Filme, die mit Beipackzettel zur korrekten Handhabung geliefert werden, Filme mit eingebautem Sicherheitsnetz, die das 'Verfluchte' ausmachen in der Liebe zum deutschen Kino. Es geht darum, ein anderes deutsches Kino zu entdecken.

Dabei behandelt dieser Film vornehmlich das Kino der 1970er Jahre – doch ein zweiter Teil ist gottlob in Arbeit, bis Sommer sollte er fertig sein. Ein kleiner Vorausblick am Ende lässt das Kino der 1980er erwarten.

(Harald Mühlbeyer)