"United States" of Love von Tomasz Wasilewski - Berlinale 2016 Blog - kino-zeit.de - das Portal für Film und Kino
16 20/02

"United States" of Love von Tomasz Wasilewski

Osteuropäische Verzweiflungspronographie

Wodka und Zigaretten, dazu fantastische Dauer- und Außenwellen bei den Damen, Polyester-Pullover, ein Whitney Houston Plakat an der Wand in der Wohnung in  einem häßlichen Wohnblock irgendwo auf dem Land - alles klar: Wir befinden uns im ehemaligen Ostblock, genauer in Polen, ist das Jahr 1990. Schon mit den ersten, farbentsättigten Bildern eines gemeinsamen Abendessen macht Tomasz Wasilewski klar, wohin die Reise geht in seinem Berlinale Wettbewerbsbeitrag United States of Love - es ist eine Reise ins Herz des vergeblichen Begehrens, der nackten Angst, im Vakuum des postkommunistischen Zeitalters zu den Verlieren, den Abgehängten, den Zurückgelassenen zu gehören. Es ist eine Reise ins Herz der Finsternis.


(Filmstill zu United States of Love von Tomasz Wasilewski, Copyright: Oleg Mutu)

Vier Frauen, vier Geschichten, alle verbunden durch den Ort und die Parallelität der Ereignisse: Da ist beispielsweise die Schuldirektorin Iza, eigentlich eine schöne Frau, die aber durch eine energisch hingefönte Außenwelle gräßlich verunstaltet ist: Sie ist die Geliebte eines Arztes, der gerade seine Frau beerdigt hat. Doch anstatt nun frei zu sein für die neue Beziehung, trennt sich der Mann von ihr, was sie zu einer gemeingefährlichen Stalkerin werden lässt, die es auf Toiletten mit Ex-Schülern vögelt und die Tochter ihres Ex-Lovers entführt. Oder Marzena, deren Mann einen Job in Deutschland gefunden hat und von dem sie nicht weiß, ob er jemals wieder zurückkommen wird: Die ehemalige Schönheitskönigin lässt sich von einem schmierigen Fotografen ablichten, kollabiert danach auf der Toilette aufgrund der Pulle Sekt, die sie sich während der Session zugeführt hat und wird von dem Fremden schamlos als Wichsvorlage benutzt, werden sie im Dämmerzustand ihrem formidablen Kater entgegenschlummert. Oder Renata, eine gerade entlassene Lehrerin, die ihrerseits Marzena nachstellt - ganz einfach deswegen, weil sie ein wenig Zuneigung und Trost sucht. Und zuletzt ist da noch Agata, die in einer lieblosen Ehe gefangen ist und die auf Teufel komm raus einen Ausweg sucht aus dieser Tristesse.


(Filmstill zu United States of Love von Tomasz Wasilewski: Copyright: Oleg Mutu)

Man ahnt schnell, dass dieser Film kein Vergnügen ist: Wäre United States of Love Geruchskino, stänke es nach Angstschweiß, ungewaschenen Klamotten, billigem Fusel, erkaltetem Zigarettenrauch, nach eingetrocknetem Sperma und nach Kanalisation. Die Ästhetik der schrabbeligen Bilder ist eindeutig eine der Hässlichkeit und wer die Schauspielerinnen später bei der Pressekonferenz sieht, fragt sich, warum diese sich mittels Make-up und Hair"styling" derart verunstalten ließen. Tomasz Wasilewski belässt es dabei nicht bei reinen Äußerlichkeiten, seine Heldinnen sind auch psychisch deformiert: Frigide, devot, neurotisch bis psychotisch und vor allem voller Angst agieren sie allesamt dermaßen unsouverän, verzweifelt und hysterisch, dass jede einzelne der Geschichte unweigerlich ein böses Ende nehmen wird, ja nehmen muss.


(Filmstill zu United States of Love von Tomasz Wasilewski: Copyright: Oleg Mutu)

Bemerkenswert ist dabei vor allem die Unbarmherzigkeit, mit der der Film seinen Protagonistinnen auf den Leib und ans Leben rückt: Sie werden beschimpft, geschlagen, missbraucht und erniedrigt (oder erniedrigen sich selbst), dass man gar nicht mehr hinschauen mag, weil der Film ihnen kaum je einen Moment der Würde und des Bei-sich-selbst-seins gestattet. Sie werden vorgeführt und ausgenutzt in all ihrer Erbärmlichkeit, während die Männer weitgehend gesichts- und konturlos bleiben. Eine Herangehensweise, die in fatal an die Strategien und Geschlechterhierarchien des Mainstream-Pornos erinnert: Genüsslich weidet sich United States of Love am Elend seiner Frauenfiguren, rückt ihnen auf den Leib, stellt sie aus und wirkt damit eher Ergötzungswerk für brutale Sadisten, statt das Leid in unsicheren Zeiten ernst zu nehmen. Gäbe es einen Bären für den frauenfeindlichsten und abstoßendsten Film des Berlinale-Wettbewerbs, wäre United States of Love der Sieg sicher. So aber wendet man sich mit Grausen ab.

(Joachim Kurz)