16 20/02

"Saint Amour" von Benoît Deléphine und Gustave Kervern

Eine Landwirtschaftsmesse in Paris ist der Ausgangsort des französischen Films Saint Amour. Nachdem die Kamera über die in Reihe stehenden Zuchtbullen gefahren ist, landet sie am Tisch mit vier Männern – und diese Verbindung ist im Vergleich zu dem, was folgt, sogar noch subtil. Am Tisch sitzen Altbauer Jean (Gérard Depardieu) und sein Sohn Bruno (Benoît Poelvoorde) mit zwei Bekannten. Während Jean in diesem Jahr unbedingt den Titel für seinen Zuchtbullen gewinnen will, sucht Bruno Spaß und Entspannung. Schließlich sei es die einzige Woche im Jahr, in der er auch mal frei haben könnte. Ohnehin will er nicht mehr Bauer sein, sondern hat eine Stelle als Verkäufer im Gartencenter in Aussicht. Weniger Arbeit, mehr Ansehen und damit mehr Erfolg bei den Frauen, lautet Brunos simpler Gedankengang. Aber vorerst geht er mit einem Kumpel auf "Weinreise" durch die Halle. Sie hangeln sich von Stand zu Stand durch die verschiedenen französischen Weinregionen, machen blöde Witze und kippen Rotwein in sich hinein, bis sie besoffen in einem Gatter mit Schweinen einschlafen. Ja, auch das ist eine der tierischen Assoziationen des Films. Jean sucht unterdessen seinen Sohn und entdeckt ihn, als Bruno – wieder erwacht – eine zu junge Messehostess erst anspricht und dann beleidigend und übergriffig wird, bis sein Vater eingreift. Er sei nicht schön, heult Bruno ihm daraufhin vor. Und seinen weinenden, unglücklichen Sohn will Jean nicht hinnehmen, also geht er mit ihm tatsächlich auf eine Weinreise durch Frankreich. Gefahren werden sie von dem Taxifahrer Mike (Vincent Lacoste), der noch lieber über Sex spricht als Bruno und das infantile Männertrio komplettiert.



(Bild aus Saint Amour von Benoît Deléphine und Gustave Kervern; Copyright: Rober Arpajou)

Damit beginnt eine Reise voller Wein und plattem Witz. Vermutlich soll Saint Amour eine französische Variante der zotigen Komödie sein, aber leider fehlt nicht nur den Figuren jegliche liebenswerte trottelige Note, sondern sind auch die Witze allesamt schmierig. Eine viel zu junge Kellnerin wird erst von Bruno und dann Mike unangenehm angemacht und lässt sich dann unverständlich willig von ihnen nach Hause fahren, um Jean zu bitten, sie in ihr Zimmer zu begleiten. Im weiteren Verlauf treffen sie auf eine Lesbe, die aus Rache mit einem Mann schläft, eine ehemals hübsche Eisläuferin, die aus Liebeskummer Bulimie bekam und dick wurde, und schließlich wird eine gebärwillige Venus zur Erlöserin. Diese Frauenfiguren sollen wohl Karikaturen sein, aber sie sind Klischees, die vor allem eines sein sollen: willig. Immerhin sind da drei Zuchtbullen von Männern unterwegs, die ihre Funktion am Schluss auch erfüllen.

Wenngleich sich Saint Amour mit der Weinreise an die Tradition des Roadmovies anlehnt, sucht man vergebens eine Entwicklung der Figuren, die über bemühte Landwirtschaftsmetaphern hinausgeht, oder gar eine eine Erkenntnis, die nicht mit einer Ejakulation endet. Vielmehr ist die Reise lediglich Anlass für Sauftouren und Fremdschammomente. In einer Sequenz erklärt Bruno dem Taxifahrer die zehn Stadien des Betrunkenseins. Vom Trinken über Ausgelassenheit geht es hin zu Gewaltbereitschaft, Liebesbedürftigkeit und Armseligkeit. Diese Stadien werden durch Bilder von Bruno im jeweiligen Zustand illustriert. Am Ende steht dann die Scham, zu der der schlafende Bruno mit in der Unterhose eingeklemmten Penis und Sabber im Mundwinkel zu sehen. Allzu lange verweilt die Kamera auf der getrockneten Spucke – und allzu sehr verharrt der Film im Stadium der Armseligkeit.

(Sonja Hartl)